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Flüchtlinge in Hameln - Ein Jahr danach

veröffentlicht am 05.09.2016 um 18:49 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:45 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

93 Menschen steigen aus dem Bus aus. Inzwischen liegt ein Jahr „Wir schaffen das“ hinter allen Beteiligten – ein Jahr, in dem auch in der Region viele hundert Menschen versucht haben, Herr über die Ausläufer des Chaos zu werden, das der Krieg in Syrien verursacht hat. Eine erste Bilanz.

Die Frage, wie viele Flüchtlinge seit September letzten Jahres nach Hameln-Pyrmont gekommen sind und jetzt hier leben, lässt sich in der Kreisverwaltung mit Verweis auf die verschiedenen Erfassungssysteme nicht ohne Weiteres beantworten. Ein Stichtag, der aber genutzt werden könne, ist laut Kreishaus der 31. Juli 2015 – seither sind 1526 Personen in den Landkreis gekommen und leben in den einzelnen Kommunen, Hameln ausgenommen, weil Hameln über eine eigene Ausländerbehörde verfügt. Die Zahl 1526 umfasst sowohl jene Flüchtlinge, die noch Zahlungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz beziehen als auch jene, die bereits anerkannt sind.

In Hameln kann man es genauer sagen: Seit August 2015 wurden der Stadt 587 Personen zugewiesen. Davon sind laut Verwaltung 114 anerkannt, weitere 45 wurden abgelehnt, acht Verfahren wurden eingestellt, die restlichen 420 warten noch auf die Entscheidung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Abgeschoben wurde aus Hameln bisher keiner, „die Betroffenen sind freiwillig ausgereist“. Auf Kreisebene sind seit Dezember 108 Flüchtlinge wieder „freiwillig ausgereist“, wie es heißt, davon zwei Iraker, alle anderen stammten aus den Balkanländern.

Dass die Bearbeitung der Asylanträge noch immer so lange dauert, ist einer der größten Kritikpunkte, die der Landkreis anbringt. „Durch die langen Verfahren leben viele Flüchtlinge in Ungewissheit darüber, wie es weitergeht.“ Der Landkreis hatte seinerseits angeboten, bei der Erfassung der Flüchtlinge zu helfen. „Wir hatten freie Kapazität, gute Leute und wurden trotz Unterstützung von [Sigmar] Gabriel vom BAMF abgebügelt“, sagt Landrat Tjark Bartels. Auch, wenn man die Anzahl nicht maßgeblich hätte beeinflussen können, wären hier „etliche Menschen schon einen Schritt weiter“, sagt Bartels.

„Dezentral“ ist das Schlagwort, auf das sowohl die Verantwortlichen auf Kreisebene als auch bei der Stadt froh verweisen. Sammelunterkünfte gibt es bisher nicht, weil Landkreis wie Stadt Wohnungen angemietet beziehungsweise gekauft haben. So hat der Kreis bislang 539 Wohneinheiten angemietet – zuzüglich 22 Häusern im „Englischen Viertel“ in Hamelns Nordstadt, wo außerdem 16 gekauft wurden. Dort sollen allerdings nicht nur Flüchtlinge leben. Die Stadt Hameln ist infolge des Flüchtlingsstroms wieder in den sozialen Wohnungsbau eingestiegen, hat eigens eine Gesellschaft (GSW) dafür gegründet, die mit einer Einlage von 16 Millionen Euro ausgestattet ist. Die GSW hat bislang 15 Häuser an der Brucknerstraße gekauft, die Stadt hat zudem ein Haus an der Werkstraße für rund 658 000 Euro erworben und will es umbauen. Stand heute: Es gibt noch freie Wohnungen, doch die Stadt ist laut eigener Aussage weiterhin auf Angebote angewiesen, um Bedarfe in verschiedenen Größen zu decken.

Vor allem die Schulen und Kindergärten sind es, die Integration an der Basis und täglich leben müssen. 55 Flüchtlingskinder werden in den städtischen Kitas betreut. 144 Kinder gehen an Hamelns Grundschulen und 164 Kinder auf die weiterführenden Schulen. In derzeit acht Sprachlernklassen wird ihnen die deutsche Sprache nähergebracht. Kritik kommt diesbezüglich aus der Stadt Richtung Land: „Mangelnde personelle Ausstattung mit pädagogischem Personal – gleiches gilt für die Systeme der frühkindlichen Betreuung.“

In den kommenden Tagen wollen wir weitere Aspekte des Themas „Flüchtlinge“ näher beleuchten. Noch mehr Informationen finden Sie online in unserem großen Themendossier „Auf der Suche nach einer sicheren Heimat“.

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