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Auf dem Land gibt es viel Platz – doch wie gut sind Geflüchtete dort wirklich aufgehoben?

Endstation Dorf?

Die Städte platzen aus allen Nähten, immer mehr Menschen wollen dort leben. Auf dem Land stehen viele Häuser leer. Der Gedanke, die ausgedünnten Landstriche mit Geflüchteten aufzufüllen, um den Dörfern wieder mehr Leben einzuhauchen, liegt nahe. Doch wie gut sind die Menschen aus fremden Kulturkreisen wirklich aufgehoben zwischen grünen Wiesen, niedersächsischer Einsilbigkeit und schwächelnder Infrastruktur? Wir haben drei Beispiele unter die Lupe genommen.

veröffentlicht am 29.03.2016 um 13:42 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:04 Uhr

Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Von Flegessen aus hat man den „besten Blick“, findet Ali Jafari. Er lebt mit seiner Frau Ravina und den Kindern Hamid Reza und Yalda seit Dezember letzten Jahres in dem kleinen Dorf am Süntelhang, das so ganz anders ist als seine Heimatstadt in Afghanistan, in der es viele Menschen gab und er an jeder Ecke etwas kaufen konnte. Das ist gewöhnungsbedürftig für die Familie. Seit sie Fahrräder haben, radeln sie oft nach Bad Münder – Busfahren wäre auf Dauer zu teuer. Einkäufe transportieren sie per Rucksack zurück. Gekauft haben sie dann zum Beispiel Zutaten für Brot, dass sie so backen wie zu Hause. Vieles bekommen sie aber auch im Flegesser Dorfladen. Für die Familie Jafari ist es ein Glück, dass die Flegesser eine so überaus aktive Dorfgemeinschaft haben, die die Verbesserung der Infrastruktur in die eigenen Hände genommen hat. Und: Das Projekt hat die Dorfgemeinschaft ungewöhnlich gut zusammengeschweißt – die Jafaris profitieren von dem neu entdeckten Miteinander. Sie sind nicht nur Mitglieder im Dorfladenverein, wo sie helfen, die Regale aufzufüllen und im Gegenzug günstige Produkte bekommen, sondern werden eingebunden, wo es geht: Hamid spielt bereits im Verein Fußball, sie wurden eingeladen zum Judo, Tischtennis und zum Konzert des Kirchenchors. Auch zur Ideenwerkstatt der Dörfer Hasperde, Flegessen, Klein Süntel, die sich unter anderem für Identifikation mit dem Ort und gesicherten Nachzug auseinandersetzt, sind sie mitgenommen worden, um darüber zu berichten, wo es für die Flüchtlinge noch hakt. Und sie lernen mithilfe der Dorfbewohner regelmäßig Deutsch. Nicht im Kurs, es handelt sich um reine Nachbarschaftshilfe. Ali Jafari, der sehr gut Englisch spricht, revanchiert sich, indem er einem Nachbarn Farsi beibringt. Auf die Frage, ob sie bleiben möchten, sagt er: „Es wäre keine gute Idee wegzugehen, wir würden all die guten Kontakte verlieren.“ Richtig rund wäre die Situation, wenn er und seine Frau Arbeit fänden. Geld bedeutet neben Sicherheit auch Mobilität. Gelernt hat Ali Automechaniker, seine Frau ist Krankenschwester.

Beispiel zwei

Ganz anders fühlt sich die syrische Familie Alheraki ein Dorf weiter, in Hachmühlen. Eine steile Treppe führt in ihre Wohnung unter dem Dach eines Hauses direkt an der B 217, das schon bessere Tage gesehen hat. Mai Taleb und Mohammad Alheraki würden mit ihren beiden Kindern Nour und Ibrahem lieber heute als morgen wieder gehen – am liebsten nach Hameln, wo es einen Supermarkt gibt. In Aleppo hat Mohammad in einer Weberei gearbeitet, seine Frau im Kindergarten. Mai Taleb sitzt in ihrer Winterjacke auf dem Sofa, die Heizung verbreitet nur laue Wärme. Der Wohnung merkt man an, dass sie auf die Schnelle „bewohnbar“ gemacht wurde, doch die bunten Tapeten und das neue Laminat täuschen kaum über manche feuchte Stelle in den Ecken hinweg. Unter der Spüle wartet eine Mausefalle auf das nächste Opfer. Die Familie hat beim Rathaus gefragt, ob es eine andere Unterkunft für sie gibt, doch dort glaube man, sie hätten zu hohe Ansprüche, sagen sie. Kontakt zu Einwohnern hat die Familie gar nicht, nur einmal haben sie Besuch bekommen, sagen sie, es seien ehrenamtliche Helfer gewesen, welche die Familie in einer Art Einführung über alles Mögliche informiert haben. Sie würden die Menschen in dem Dorf gerne kennenlernen, wissen aber nicht, wie sie das anstellen sollen. Einzig die Kinder scheinen die Lebenssituation nicht ganz so bedrückend zu empfinden. Ibrahem geht in die vierte Klasse der Grundschule Flegessen und hat schon Freunde gefunden. Sein größter Wunsch wäre, mit ihnen Fußball zu spielen – doch das funktioniert nicht: Es fährt kein Bus mehr zu den Trainingszeiten.

Beispiel drei

Einsam fühlt sich auch der Syrer Alaa Ehsan auf dem Dorf. Er wohnt am Rande von Hastenbeck, in den großen Mietshäusern, die früher den Briten gehörten. Seine willkürlich zusammengewürfelte WG, zu der vier weitere junge Männer gehören, ist um drei „Dauergäste“ angewachsen. Ihre Unterkunft sei noch nicht fertig und sie wollten anscheinend nicht mehr in der Kaserne leben. Die Situation in der WG sei schwierig, sagt der 26-Jährige, der in Damaskus Journalismus studiert hat. Die Kontakte zu anderen Anwohnern kann er an einer Hand abzählen. Einmal, zu Silvester, habe ein Nachbar sie in Feierlaune spontan eingeladen, als alle draußen den Raketen hinterhersahen. Doch sie seien nicht sehr lange geblieben, weil sie das Gefühl hatten, dass nicht alle Gäste so glücklich über den spontanen Besuch waren.

Und dann die Sache mit der Mülltrennung. Was sie falsch machen, habe ihm ein Nachbar gesagt. Der habe auch versucht, ihm den Abfallkalender zu erklären – und der sei noch komplizierter als der Busfahrplan. Die Suche nach dem gelben Sack war dann eine Odyssee. Bevor Alaa Ehsan herausfand, dass es den im Rathaus gibt, war er bei diversen Supermärkten, wo es nur hieß: „Haben wir nicht.“ Jetzt, wo die filigrane gelbe Tüte endlich im Haus ist, versucht er den neuen Mitbewohnern die Mülltrennung beizubringen. Das sei mindestens genauso schwierig wie die Suche. Ob er bleiben möchte? Das hängt davon ab, ob er eine neue Bleibe und Arbeit findet. In der Zwischenzeit lässt er sich nicht hängen, lernt Deutsch und dreht mit einem Freund, einem Kameramann, einen Film über Flüchtlinge.

Deutsche Mülltrennung, der Busfahrplan, Mobilität im Allgemeinen, Arztbesuche, Behördengänge und Einkaufen – das sind die offensichtlichen Dinge, mit denen auch die anderen Geflüchteten, bei denen wir waren, ihre Probleme haben. Das, was schwerer wiegt für ein gutes Lebensgefühl, die Einbindung in die dörfliche Gemeinschaft, ist Glückssache, scheint es.

Die Städte platzen aus allen Nähten, immer

mehr Menschen wollen dort leben. Auf dem Land stehen viele Häuser leer. Der Gedanke, die ausgedünnten Landstriche mit Geflüchteten aufzufüllen, um den Dörfern wieder mehr Leben einzuhauchen, liegt nahe. Doch wie gut sind die Menschen aus fremden Kulturkreisen wirklich aufgehoben zwischen grünen Wiesen, niedersächsischer Einsilbigkeit und schwächelnder Infrastruktur? Wir haben drei Beispiele unter die Lupe genommen.

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