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Zwei Sammeltermine für 150 Lügder Flüchtlinge

Einen Schritt weiter: Endlich registriert

Lügde. Monatelang haben die in Lügde untergebrachten Flüchtlinge auf ihre Registrierung gewartet. So lange hatte die zuständige Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bielefeld keine Termine. Nun sind 150 Menschen an zwei Sammelterminen registriert worden.

veröffentlicht am 29.03.2016 um 18:26 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:37 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite

Wenn von Tausenden unregistrierten Flüchtlingen in Deutschland die Rede ist, hat mancher schnell finstere Phantome im Kopf. Von Kriminellen, die abtauchen, um sich ihrer Registrierung zu entziehen. Solche Leute gibt es. Vereinzelt auch in Lügde. Dass aber bis vor kurzem weit über 100 hier untergekommene Flüchtlinge noch unregistriert waren, hatte einen völlig anderen Grund: Die Menschen bekamen über Monate hinweg keinen Termin bei der zuständigen Außenstelle des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Bielefeld.

„Sie haben uns rausgeworfen“, schilderte ein frustrierter Syrer im Januar im Gespräch mit unserer Redaktion. Da war er zusammen mit ein paar anderen jungen Leuten gerade auf eigene Faust nach Bielefeld gefahren. Die Männer wollten von den Behörden-Mitarbeitern dort wissen, warum alles so lange dauert in Deutschland. Sie waren das tatenlose Warten und die Ungewissheit leid. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass eine deutsche Behörde zu wenige Leute hat, um den immer weiter wachsenden Wust an Arbeit zu schaffen. „Ich kenne Flüchtlinge aus anderen Orten, die haben längst Ausweise“, erzählte er und mutmaßte: „Haben die Lügde vergessen?“ Eine Antwort darauf bekam er in Bielefeld nicht.

„Das System der Behörde ist von außen kaum nachzuvollziehen“, sagt Armin Schauf vom Integrationszentrum der Kreisverwaltung Lippe. Und Manfred Engel aus dem Lügder Rathaus berichtet: „Die Frau, die in Lügde zuletzt am längsten auf ihre Registrierung gewartet hat, lebt seit Oktober 2014 hier.“

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  • Hisham Shahin mit seiner Kopie des BAMF-Fragebogens aus Bielefeld. Der 27-Jährige teilt sich mit seinem 15 Jahre alten Bruder Ahmad ein Zimmer in Lügde. Foto: jl
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  • Eine Aufenthaltsgestattung bekommt, wer in Detmold offiziell als Asylbewerber registriert wurde und seinen Antrag stellen konnte. Foto: dpa

Mittlerweile hat das BAMF seine Abläufe überarbeitet. Es vergibt nicht mehr einzelne Termine, sondern bietet den Städten Sammeltermine für ihre Flüchtlinge an. So konnte die Stadt Lügde unlängst an zwei Tagen drei Busse für 150 Menschen chartern. „Da ist der organisatorische Aufwand nicht so groß“, sagt Manuel Haße aus dem Lügder Rathaus, der beide Fahrten begleitete.

„Wer um 8 Uhr morgens in Bielefeld sein muss, schafft das von hier aus mit öffentlichen Verkehrsmitteln kaum“, ergänzt er, auch mit Blick auf Familien mit Kindern, die dann ja auch noch den Weg vom Bielefelder Bahnhof zum BAMF am Stadtrand hätten zurücklegen müssten.

Mit dem langersehnten Termin vor Augen waren morgens um 6 Uhr am Bus alle „mehr als pünktlich“, sagt Haße. „Das hat super geklappt.“ Auch dank der Unterstützung durch die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Nur ein Mann fehlte. Warum der in Elbrinxen gemeldete Algerier nicht zur Abfahrt erschien, ist der Stadtverwaltung nicht bekannt.

„Die Probleme kommen von den Menschen,

nicht von der Religion“

„Auf der Hinfahrt waren wir alle wach. Auf der Rückfahrt schliefen dann alle“, erzählt der syrische Libanese Hisham Shahin auf Englisch. Sein Deutsch erscheint dem 27-Jährigen Familienvater zweier Kleinkinder noch zu schlecht zum Reden. Wenn er auf ein bestimmtes Wort nicht gleich kommt, ist ihm das peinlich. „Ich fürchte, ich vergesse die Sprache schon wieder“, sagt er. Knapp vier Wochen nach Ende des VHS-Kompaktkurses im Wichernhaus nutzt er deshalb noch ein wöchentliches Kursangebot. Er würde gern mehr mit Einheimischen sprechen. „Aber ich weiß nicht, wo.“ Über den Fernsehbildschirm, gleich neben dem Etagenbett der Brüder, flimmern oft deutsche Filme. „Deutsch ist sehr schwierig“, sagt Hisham Shahin, beinahe akzentfrei. Probleme hat er vor allem mit den groß geschriebenen Wörtern. Dass viele von ihnen aus zwei Wörtern zusammengesetzt sind, irritiert ihn. Und er stellt fest: „Oft kann ich nicht gut lernen.“ Unter den Sorgen um seine Zukunft und seine Familie leide seine Konzentrationsfähigkeit.

Das stundenlange Warten in Bielefeld sei anstrengend gewesen, erzählt Hisham Shahin weiter. Genaugenommen ist er schon Flüchtling, so lange er lebt. „Mein Großvater ist aus dem Libanon nach Syrien geflohen“, erzählt er. Geboren in einem Camp im syrischen Homs, hat auch Shahin die libanesische Staatsbürgerschaft. Seine Frau und die beiden Kleinkinder ließ er bei der Familie in der Heimat zurück, die rein formal nicht seine Heimat ist. Aber er erinnert sich noch gut an die Zeit, als Menschen der unterschiedlichsten Religionen in Syrien friedlich zusammenlebten. „Die Probleme kommen von den Menschen, nicht von der Religion“, sagt Shahin. Er zeigt Fotos seiner Kinder Mariam und Chaled auf seinem Handy.

Mit seinem jüngeren Bruder, dem 15-jährigen Ahmad, der die Johannes-Gigas-Schule besucht, teilt er sich ein schmales Zimmer mit Kochnische in der Lügder Altstadt. Bevor die beiden im August 2015 ins Lippische kamen, waren sie an vier Standorten in Deutschland untergebracht. „Frankfurt, Gießen, Dortmund, Hennef“, zählt Shahin auf, der seine Fingerabdrücke erstmals schon in Frankfurt abgab.

Seine Anhörung in Bielefeld dauerte 25 Minuten. Dazu gab’s noch einen Fragebogen. Wie seine Chancen stehen, in Deutschland dauerhaft bleiben zu können und einen Job zu finden, weiß er noch nicht. Bis über seinen Antrag entschieden ist, kann es „zwei Wochen bis drei Monate dauern“, hat er gehört.

Bei Flüchtlingen aus Syrien kann es schnell gehen. Menschen anderer Nationalitäten müssen auf die Entscheidung mitunter länger als ein Jahr nach Antragstellung warten. Dass Shahin, der in Syrien im Kundenservice eines US-amerikanischen Klimaanlagenherstellers arbeitete, aber auch schon diverse andere Jobs gemacht hat, hier so lange nicht arbeiten darf, leuchtet ihm nicht ein. Aber es hilft nichts: Er muss weiter warten.

Abwechslung sucht er beim Fußballspielen an der Emmer. Zudem übersetzt er zum Beispiel im Rathaus vom Arabischen ins Englische, wenn seine Hilfe gebraucht wird. Und es gibt einen ersten Lichtblick am Horizont: Vielleicht bekommt er ein Praktikum in einem Elektrobetrieb. Dort hofft er, mehr Deutsch sprechen zu können. „Mein Englisch habe ich auch bei der Arbeit gelernt.“

Wie Hisham Shahin und sein Bruder, so warten auch die meisten anderen der jüngst registrierten Lügder Flüchtlinge noch auch die BAMF-Entscheidung. Aber in Bielefeld konnten sie nun immerhin ihre Anträge stellen. Dort gaben sie zudem – zum Einpflegen in eine beim Bundeskriminalamt geführte Datei – ihre Fingerabdrücke ab und wurden fotografiert. Hinterher konnten sie sich in Detmold ihre Aufenthaltsgestattung abholen. „Eine Handvoll von ihnen hat es schon hinter sich. Sie waren auch schon mit ihrer Anerkennung bei mir“, sagt Rathaus-Mitarbeiter Manuel Haße.

Endlich ein richtiger

Ausweis statt des BÜMA-Zettels

Bevor sie die Gestattung – einen richtigen kleinen Ausweis mit Foto – bekamen, hatten die Flüchtlinge nur ein vorläufiges Aufenthaltspapier, die BüMA. Der DIN-A4-Zettel bescheinigt ihre Meldung als Asylsuchende. Vor der ersten Fahrt nach Bielefeld war Manuel Haße davon ausgegangen, dass die Menschen dort gleich ihren Gestattungsausweis bekämen. So war das noch im Dezember 2015, als er von seiner bisherigen Stelle in der Zentralen Ausländerbehörde in Bielefeld in den neuen Job ins Lügder Rathaus wechselte. „Das hatte ich ihnen im Bus auch schon versprochen.“ Als es dann hieß, dass die Menschen sich die Ausweise extra bei der Ausländerbehörde in Detmold abholen müssen, „waren sie etwas enttäuscht“, sagt Haße. Insgesamt aber seien die Menschen nach der Registrierung erleichtert gewesen. „Sie haben gemerkt: Es geht weiter.“

Trotz des monatelangen Wartens war die Stadt Lügde mit ihren Terminen in Bielefeld laut Haße nicht einmal besonders spät dran. „Andere Kommunen haben schon bei uns nachgefragt: „Wie haben Sie das so schnell hingekriegt?“ Manche hätten ihren Termin erst im Juni in Aussicht.

Was Manuel Haßes Arbeit in Lügde von seinem vorigen Arbeitsplatz unterscheidet: vor allem die Dimension. „In Bielefeld hatten wir zu Spitzenzeiten 500 Neue täglich, denen wir eine Unterkunft besorgen mussten“, erzählt er. „Hier entwickelt man natürlich ein anderes, persönlicheres Verhältnis zu den Menschen.“ Auch in Lügde hat er vor allem verwaltende, organisatorische Aufgaben. „Aber ich versuche, auch die soziale Komponente mit einzubringen.“

Aktuell leben insgesamt 232 Flüchtlinge in Lügde, Elbrinxen und Sabbenhausen. Vor zwei Wochen kamen noch einmal 13 Menschen dazu. Registriert wurden sie schon in der Unterkunft in Duisburg, aus der sie kamen. Im Gegenzug reisten vier Leute freiwillig wieder in ihre Heimat Albanien.

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