weather-image
In Salzhemmendorf ist wieder Normalität eingekehrt

Ein Jahr nach dem Brandanschlag

veröffentlicht am 27.08.2016 um 08:00 Uhr
aktualisiert am 05.09.2016 um 14:33 Uhr

270_0900_11221_lkcs106_ms_2708.jpg

Autor:

Maike Lina Schaper

Es sind die Kinder der Familie Sarhan, die mit der Tochter ihrer Nachbarin Ball spielen. Zu fünft lebt die syrische Familie in der Wohnung, in der der Anschlag damals passierte. In dem Zimmer, in das der Molotowcocktail flog, schlafen heute wieder Kinder.

Als die Familie Sarhan vor acht Monaten nach Salzhemmendorf kam, wusste sie zwar, dass hier das Dorf ist, in dem es einen Anschlag auf eine Flüchtlingsfamilie gegeben hatte, aber sie wusste nicht, dass es im selben Haus geschehen war, ja sogar in der selben Wohnung. Als Mutter Amena Habib durch ihre syrischen Nachbarn davon erfuhr, habe sie erst Angst gehabt. „Mitten in der Nacht bin ich oft aufgestanden und habe nach den Kindern gesehen, wenn ich draußen ein lautes Geräusch hörte“, erzählt Amena. Aber mittlerweile könnten sie alle ruhig schlafen. Die Familie hat Vertrauen in den Ort und die Salzhemmendorfer gefasst. „Die Menschen hier sind sehr nett“, sagt die Familie einhellig. Die drei Kinder besuchen den Kindergarten und die Grundschule, alle in der Familie lernen Deutsch, haben deutsche Freunde. Was sie am meisten an Salzhemmendorf betrübt, ist die schlechte Busverbindung nach Hameln.

Margeret D. aus Simbabwe und ihre drei Kinder, die vorher in der Wohnung lebten und von dem Anschlag betroffen waren, sind weggezogen. Der Molotowcocktail flog in jener Nacht direkt in das Zimmer, in dem die drei Kinder (damals 4, 8, 11 Jahre alt) eigentlich schlafen sollten. Doch die Kinder hatten Glück im Unglück, sie schliefen bei der Mutter. Alle blieben unverletzt. Aber der Schock saß tief und die Erinnerungen an schreckliche Geschehnisse aus Afrika kamen hoch – bei ihrer Aussage im Prozess gegen die drei Täter brach die Mutter in Tränen aus.

270_0900_11223_lkcs105_ms_2708.jpg
  • Die Familie Sarhan lebt nun in der Wohnung, in die der Brandsatz vor einem Jahr durchs Fenster geworfen wurde. Angst haben sie nicht, sagt die Familie. Die Salzhemmendorfer seien nett. Foto: MS
270_0900_11222_lkcs103_fn_2708.jpg
  • Das verrußte Kinderzimmer nach dem Brandanschlag am 28. August 2015. Foto: Archiv

„Wir haben den Wegzug der Familie bedauert, die Kinder waren hier sehr gut integriert“, sagt Gemeindebürgermeister Clemens Pommerening. Freunde der Familie erzählen, dass es Margeret D. und ihren Kindern in ihrem neuen Zuhause gut gehe. Bei den anderen Flüchtlingen, die den Brandanschlag miterlebt hatten, wäre sicherlich unterschwellig auch noch Angst da, sagt Andreas Hillmer aus der Salzhemmendorfer Gemeindeverwaltung. Es ließe sich aber keiner wirklich anmerken. Die meisten Flüchtlinge, die heute in Salzhemmendorf wohnen, seien erst nach dem Anschlag in die Gemeinde gekommen. Aktuell leben 109 Flüchtlinge im Flecken. Neuzugänge kommen derzeit nicht.

Hört man sich bei den anderen Flüchtlingen im Ort um, sagen sie genau wie die Familie Sarhan nur Gutes über Salzhemmendorf und die Salzhemmendorfer. „Viele Leute helfen uns. Ich mag alle Menschen hier gern“, sagt Sami Hakmi. Über den Anschlag von vor einem Jahr wüssten viele Flüchtlinge überhaupt nichts, sagt ein Dolmetscher im Begegnungscafé. Darüber werde untereinander nichts erzählt. Auch habe keiner von ihnen Angst, in Salzhemmendorf zu leben.

Aber was sagen die Salzhemmendorfer selbst – ist der Brandanschlag für sie noch Thema? Es scheint nicht so. „Es war schlimm, was passiert ist, aber es ist schon fast vergessen. Die Welt ist so schnelllebig geworden. In der Zwischenzeit gab es wieder viele Berichte über Amokläufe und Attentate“, sagt eine Frau aus der Gemeinde. „Wenn es schlimmer ausgegangen wäre, würde vielleicht noch darüber gesprochen werden. Aber so nicht.“ Eine andere Frau kenne zwar die Familie eines Täters, über die Geschehnisse im vergangenen August wisse sie aber nur, was in der Zeitung gestanden habe. Ein älterer Salzhemmendorfer will von dem Thema ebenso wenig etwas wissen: „Ich komme aus einem Nachbarort und kann dazu gar nichts sagen“, lautet seine abwehrende Reaktion.

Dann finden sich aber auch die Salzhemmendorfer, die sagen, dass sie nun bewusster mit dem Thema umgehen würden, gerade weil es eben hier passierte. Und genau dieser Aspekt, das Geschehen vor der eigenen Haustür, habe die Menschen kalt erwischt, sagt eine Osterwalderin. Unter den Überraschten ist auch Bürgermeister Pommerening: „An dem Morgen, an dem ich den Anruf bekommen habe, in Salzhemmendorf hätte es einen Anschlag gegeben, konnte ich es selbst erst nicht glauben.“ Im Vorfeld habe es keine Anzeichen für Probleme mit den Flüchtlingen in der Gemeinde gegeben. Keiner habe je vor dem Haus gestanden und gerufen „Ausländer raus“. Der Bürgermeister lobt die Gegenreaktionen, die es nach dem Anschlag in der Gemeinde gab. Angefangen mit der Demonstration noch am selben Abend, an der 2000 Menschen teilnahmen, bis hin zur Einrichtung des Begegnungscafés im Ort und der großen Hilfsbereitschaft vieler ehrenamtlicher Helfer. Auch, dass mit der schnellen Verurteilung der Täter ein klares Zeichen nach außen gesetzt wurde, findet Pommerening gut.

In Salzhemmendorf gibt es aber auch Menschen, die das Strafmaß für zu hoch halten. Ein Bekannter des Haupttäters verurteilt zwar die Tat, glaubt aber, dass die Strafe nicht so hoch ausgefallen wäre, wenn der Anschlag zu einer anderen Zeit geschehen wäre. Zu einer Zeit, in der das Thema Flüchtlingspolitik nicht für sozialen Sprengstoff in landesweiten Debatten sorgte.

Das Urteil des Richters Wolfgang Rosenbusch lautete auf 8 Jahre, 7 Jahre und 4,5 Jahre für die drei Täter. Es ist entsprechend hoch, weil der Richter die Täter wegen versuchten Mordes in vier Fällen in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung verurteilte.

In seiner Begründung sagte Rosenbusch, dass die drei durch ihre Tat in jener Nacht durch nichts von marodierenden SA-Trupps zu unterscheiden gewesen seien. Und auch durch nichts von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans oder von den IS-Terrorristen, die in Paris Menschen getötet hatten. Eine rechte Gesinnung stritten die Angeklagten während des Prozesses jedoch fortwährend ab. Gegen das Urteil haben alle drei seinerzeit Revision eingelegt.

Seit dem Brandanschlag ist Salzhemmendorf nicht nur bundesweit und sogar durch die Prozessberichterstattung der New York Times in den USA berühmt geworden, es ist auch verschrien als die Spitze des „braunen Ostens“ im Landkreis. Bürgermeister Pommerening sagte vor einem Jahr, dass es in Salzhemmendorf keine rechte organisierte Szene gebe. Diese Ansicht hält er auch noch heute aufrecht. Allerdings, dass es in der Gemeinde Menschen mit rechtem Gedankengut gebe – wie sicherlich auch in anderen Kommunen – gesteht er ein. „Man kann niemandem in den Kopf sehen“, sagt Pommerening. Nach außen würden diese Menschen auch nicht besonders auftreten. Dafür sei man inzwischen jedoch sicherlich sensibler geworden.

Aber wie rechts ist der östliche Rand der Gemeinde wirklich? Zwar kann man den Salzhemmendorfern tatsächlich nicht „in den Kopf sehen“, aber man kann die Wählerquote von Parteien vergleichen, die am Rand des politischen Spektrums stehen. Bei der vergangenen Bundestagswahl 2013 lag der Anteil der NPD-Wähler im Landkreis Hameln-Pyrmont bei 0,9 Prozent. In Salzhemmendorf wählten 1,42 Prozent die NPD. Dieses Ergebnis ist zwar über dem Landkreisschnitt, liegt aber in absoluten Zahlen bei lediglich 78 Salzhemmendorfern, die ihre Ansichten in Wahlkreuzen für die umstrittene Partei äußerten. Insgesamt gaben 5537 Salzhemmendorfer Wähler ihre Zweitstimme ab.

So ein Ereignis wie der Brandanschlag von Salzhemmend gehe zwar nicht spurlos an einer Gemeinschaft vorbei, sagt Bürgermeister Pommerening. Trotzdem ist er optimistisch. Es habe sich bei vielen Menschen eine positive „Jetzt erst Recht“-Mentalität ausgebildet, durch die auch Salzhemmendorfer aktiv geworden seien, die sonst vielleicht nicht geholfen hätten.

Rückblick

Am 28. August kurz nach 2 Uhr nachts warf der 31-jährige Salzhemmendorfer Dennis L. eine mit Benzin und Sägespänen gefüllte brennende Flasche durch die Fensterscheibe einer Wohnung, in der eine Mutter (34) und ihre drei Kinder (4, 8, 11) aus Simbabwe lebten. Die Feuerwehr konnte den Brand schnell löschen. Die Mutter und ihre Kinder befanden sich während des Anschlags in einem Nebenraum und blieben unverletzt. Am nächsten Morgen nennt Ministerpräsident Stephan Weil die Tat vor der Presse „einen Mordanschlag“. Die Geschehnisse seien die schwerwiegendsten, die die Niedersachsen in den letzten Monaten und Jahren erlebt hätten. Die Täter konnten von der Polizei schnell ermittelt werden. Dennis L., sein Freund Sascha D. (25) aus Salzhemmendorf und Saskia B. (24) aus Springe wurden noch am gleichen Tag festgenommen. Die mutmaßlichen Täter müssen sich vor Gericht wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes in Tateinheit mit versuchter schwerer Brandstiftung verantworten. Dennis L. und Sascha D. erklären ihr Verhalten mit ihrem exzessiven Alkoholgenuss. Sie bestreiten, fremdenfeindlich zu sein. Am 17. März fällt Richter Wolfgang Rosenbusch sein Urteil. Dennis L., der gestanden hat, den Molotow-Cocktail geworfen zu haben, soll für acht Jahre ins Gefängnis, Sascha D., der half den Brandsatz zu bauen, für sieben Jahre, Saskia B. (24), die den Fluchtwagen gefahren hatte, für viereinhalb Jahre.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Anzeige
Kommentare