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Ärzte kümmern sich freiwillig um die Flüchtlinge in Hameln

Die Strapazen fordern ihren Tribut

Ob die Flüchtlinge aus Syrien oder Afghanistan mit ansteckenden Krankheiten in Hameln ankommen und in welchem gesundheitlichen Zustand sie sich befinden würden, wusste keiner. Einheitliche Richtlinien zur Untersuchung gab es nicht, das Wissen der zuständigen Ärzte musste reichen. Ein Blick hinter die Kulissen der Linsingen-Kaserne.

veröffentlicht am 14.09.2015 um 11:54 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:49 Uhr

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Autor:

von birte hansen

Sie lächelt, ihre Stimme klingt offen freundlich, als sie den nächsten, den letzten Patienten für diesen Freitag, begrüßt: „Hello, my friend.“ Ein Nicken, ein Strahlen sind sein Gruß zurück. Der Mann ist am linken Ellenbogen verletzt, Dr. Lilli Hütter verbindet ihn, bevor sie sich für eine Woche verabschiedet. Seit Dienstagmorgen hat sie Flüchtlinge in einer provisorisch zusammengestöpselten Praxis oberhalb des einstigen Offizierskasinos der Briten behandelt. „Montagabend kam der Anruf. Dann bin ich erst mal zu Penny gefahren und habe was für die Kinder gekauft“, erzählt sie. „Ich habe gedacht, da kommen bestimmt viele Kinder.“ Freiwillig ist sie jetzt in der Linsingen-Kaserne, Hamelns großem Flüchtlingsquartier, „ist doch selbstverständlich“, sagt die 75-Jährige, die seit zehn Jahren im Ruhestand ist. Eigentlich.

Ein Notarztteam wurde zusammengestellt –

„völlig unproblematisch“

Hilfe wie diese erlebt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Dr. Jörg Meckelburg, in diesen Tagen immer wieder. Gerade vor drei Minuten hatte ihn im Vorbeigehen der Gastroenterologe Dr. Ralf Halle gefragt, wie er unterstützen kann.

Seit Sonntag, Tag eins der Flüchtlinge in der Kaserne, scheinen Routine und Ruhe jegliche Form von Unsicherheit und Improvisation ersetzt zu haben. „Wir konnten nicht abschätzen, welche Krankheiten dabei sind“, erzählt Jörg Meckelburg. Weil aber der „Schutz der Einsatzkräfte das Wichtigste ist“, waren nach der Ankunft der ersten 100 Menschen zahlreiche Helfer mit Mundschutz in der Turnhalle unterwegs, wo die Flüchtlinge begrüßt und an sechs Behandlungstischen untersucht wurden. Andere Helfer dagegen liefen ohne Atemschutz rum, darunter Dr. Meckelburg. Riskant? Vielleicht.

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  • Einsatz für die Flüchtlinge in der Linsingen-Kaserne: der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Dr. Jörg Meckelburg (li.). ube

Aber in erster Linie ein Zeichen von Routine. Wer über viel Erfahrung im Umgang mit möglicherweise ansteckenden Krankheiten verfügt, wischt sich nach Kontakt mit einem Patienten eben nicht mit denselben Fingern am Mund entlang oder reibt an den Augen. Doch alle anderen, die bei den ersten Untersuchungen geholfen haben, seien angehalten gewesen, mit Handschuhen und Mundschutz zu arbeiten. Eine Woche später ist auf dem Gelände keiner mehr mit halb verdecktem Gesicht zu sehen. Manche hätten die Masken allerdings noch um den Hals hängen, für den Fall, dass sie in den Unterbringungen in engen Kontakt kommen, erzählt Meckelburg.

Die ersten Stunden des Hilfseinsatzes waren geprägt von Improvisation, basierend auf Wissen. Denn: Anders als in Bayern beispielsweise gibt es hierzulande laut Meckelburg keine Regelung, keine Liste mit Vorgaben, nach denen die Flüchtlinge untersucht werden sollen. „Es gibt keinen, der entscheidet, was zu tun ist.“ Weder vor Ort, noch auf Landesebene. Das Team um den Arzt musste also selbst festlegen, was sinnvoll und auch leistbar ist. Eine Info aus dem Internet vom Bundesland Bayern lautete „Aufnahme von Flüchtlingen nicht unter zwei Stunden“ - unrealistisch, nicht leistbar, nicht sinnvoll.

Ein Notarztteam wurde zusammengestellt – „völlig unproblematisch“, erzählt Meckelburg anerkennend. Der Notarzt vom Sana-Klinikum habe kurzerhand seinen Dienst in die Linsingen-Kaserne verlegt und sei dann von dort aus zum Einsatz gefahren, wenn er gerufen wurde. Im Krankenhaus wurde ein entsprechender Stab gegründet, vier Ärzte halten sich außerdem derzeit in Rufbereitschaft, um in der Kaserne unterstützen zu können. Überhaupt: Die gute deutsche Bürokratie, oft nützlich, mindestens ebenso oft hinderlich – sie weicht derzeit immer wieder einem notwendigen Pragmatismus, der schnelles Handeln überhaupt möglich macht. Auch strenges Hierarchie-Denken wird nach Meckelburgs Schilderungen abgelöst von Vertrauen in Menschen, denen Entscheidungen überlassen werden, weil sie das Know-how haben.

Da Meckelburg persönlich viel Erfahrung mit schnellen Einsätzen bei Katastrophen hat – er war unter anderem auf den Philippinen nach dem Taifun „Haiyan“ im Einsatz – verfügte er selbst über Listen, die nun laufend an die neue Situation angepasst wurden. Mithilfe dieser Listen konnten in den Tagen nach Tag eins auch Krankenschwestern und Rettungssanitäter die medizinische Sichtung der Flüchtlinge übernehmen und einschätzen, welche Behandlung warten kann und welche akut ist.

Akut: Ein Verdacht auf Tuberkulose. „Ein Flüchtling kam mit einem Papier aus Braunschweig, auf dem vermerkt worden war: Verdacht auf TBC.“ Er wurde per Isolationstransport nach Diepholz in eine Lungenklinik gebracht, alle, die bis dahin mit ihm Kontakt gehabt hätten, seien untersucht worden. „Auch das wird alles festgehalten“, schildert Meckelburg die Arbeit. Der Verdacht sei letztlich nicht bestätigt worden.

Ebenfalls akut: Ein Fall von Krätze. Dieser Mann sei auf dem Gelände isoliert worden, nach Rücksprache mit dem Gesundheitsamt „wurden alle notwendigen Hygienemaßnahmen durchgeführt“, auch in seinem näheren Umfeld. Auch dieser Patient sei in eine Klinik gebracht worden.

„Ihre Infektion haben sie alle“, sagt Dr. Lilli Hütter über die Flüchtlinge, die sie bislang untersucht hat. Wochen-, monatelange Reisen in meist viel zu dünner Kleidung, wenig zu essen und zu trinken – die Strapazen fordern ihren Tribut. Viele „sind in ganz schlechtem Ernährungszustand“, sagt Dr. Meckelburg. Bei ihnen wird darauf geachtet, dass sie ihr Essen in kleinen Portionen zu sich nehmen, um Koliken vorzubeugen. Etliche haben Zahnschmerzen, andere Schnupfen. Auch gebrochene Finger – ein Andenken an Länder, in denen Flüchtlingen der Aufenthalt so unattraktiv wie möglich gestaltet werden sollte – haben die Ärzte häufiger zu sehen bekommen. Manche Geschichten gehen an die Nieren, einige schwangere Frauen hätten auf der Flucht ihre Babys verloren, erzählt ein DRK-Helfer. Eine davon sei bereits im sechsten Monat schwanger gewesen. „Die meisten tragen das mit Fassung“, sagt der Helfer mit einer Mischung aus Achtung und Erstaunen. Das habe er hier schon ganz anders erlebt.

Während Dr. Hütter geht, stehen mehrere niedergelassene Ärzte in den Startlöchern. Sie werden ihre Praxen in den kommenden Wochen immer mal wieder für ein paar Stunden schließen, um den Flüchtlingen zu helfen. „Meine Patienten haben dafür viel Verständnis“, sagt Dr. Meckelburg über die Erfahrungen, die er mit diesem Vorgehen in seiner Praxis in Bad Pyrmont gemacht hat. Mehr noch: „Einige haben gleich Spielsachen für die Kinder vorbeigebracht.“ Die Spendenbereitschaft der Menschen beeindruckt den Arzt. Auch Apotheken hätten in den vergangenen Tagen sofort spontan und gänzlich unbürokratisch benötigtes Material und Medikamente zur Verfügung gestellt, was sonst teilweise nur mit viel Papier und Unterschriften möglich ist. Und auch aus dem Sana-Klinikum heißt es: „Nicht nur einige unserer Ärzte haben sich als freiwillige Helfer gemeldet, auch viele unserer Mitarbeiter haben sich organisiert, um mit Spenden zu unterstützen.“ Was aber bei allen Helfenden gerade zu kurz kommt: Schlaf, Erholung. „Die ersten vier, fünf Tage war ich ununterbrochen hier“, erzählt Meckelburg. Aber von Donnerstag auf Freitag, endlich mal, konnte er eine Nacht zu Hause schlafen.

TBC-Verdacht, Krätze – dagegen klingen Sportverletzungen, die zum Ende der Woche behandelt wurden, nach einer verdammt guten Nachricht. Nach einer, die von ein bisschen Normalität nach einem scheinbar endlosen Ausnahmezustand zeugt – die Verletzungen stammen „vom Fußballspielen hier“.

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