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Wie lebt es sich nach dem Brandanschlag in der Flüchtlingsunterkunft?

Die Angst ist noch da

Salzhemmendorf (as). Hayat Khudeeda Edo wirkt angespannt, schaut sehr ernst, als sie die Tür öffnet. Die 47-Jährige versteht kein Wort Deutsch, ihr Sohn Mewan Kehro Ali dagegen sehr gut. Er dolmetscht, während sie gemeinsam über die dramatischen Ereignisse der letzten Tage berichten. Die kurdischen Jesiden aus dem Irak hatten schon in der Heimat Schlimmes erfahren, jetzt mussten sie erleben, wie Rechtsextremisten auf ihre Unterkunft in der Hauptstraße einen Brandanschlag verübten, mehr als 2000 Menschen noch am gleichen Tag vor dem Haus Solidarität mit den Flüchtlingen bekundeten (wir berichteten). Vom Anschlag selbst, erzählt Mewan, habe man nichts mitbekommen. Man habe fest geschlafen, eigentlich erst am nächsten Morgen davon gehört. Obwohl man wisse, dass die mutmaßlichen Täter gefasst worden sind und im Gefängnis sitzen, habe man nach wie vor Angst.

veröffentlicht am 01.09.2015 um 18:50 Uhr
aktualisiert am 12.10.2015 um 18:36 Uhr

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Erst als die Frage nach dem Willkommens-Familienfest im Hof des Hauses gestellt wird, lächelt die Witwe. „Ja, das war wirklich schön!“ Der Landkreis Hameln-Pyrmont hatte am Montagabend die kleine Feier für die Bewohner des Hauses organisiert, auch für das Essen gesorgt, während die Gemeinde Salzhemmendorf Tische, Stühle und Getränke beisteuerte. Dolmetscher halfen bei den Gesprächen zwischen den Bewohnern, Nachbarn und Gästen. Es habe viele Einzelgespräche gegeben, berichtete gestern Gemeindebürgermeister Clemens Pommerening. Auch individuelle Probleme seien erörtert worden. Die Kommunikation sei nicht immer einfach gewesen, zumal manche Bewohner nur französisch, andere nur arabisch oder kurdisch sprächen. Nicht alle könnten englisch.

Das hatte am Freitag für Irritationen gesorgt, da insbesondere die Flüchtlinge aus der Elfenbeinküste nicht über die Demonstration und ihren Hintergrund informiert worden waren. Die große Menschenmasse vor ihrer Unterkunft hatten sie daher nicht richtig einschätzen können, hatte sie eher noch zusätzlich in Furcht versetzt.

Ganz anders die Familie Kraja, die seit mehr als einem Jahr in dem Haus lebt. Marwan (17) ist Schüler der KGS in Salzhemmendorf, hatte nach dem Anschlag Mitschüler und Freunde mobilisiert, an der Demonstration teilzunehmen und ist nach eigenen Angaben auch selber mitgegangen. In der Brandnacht habe man die Schreie der Familie aus Simbabwe gehört, zugleich sei an ihre eigene Tür gehämmert worden, um auf das Feuer aufmerksam zu machen. Die Frau aus Simbabwe habe man nun beim kleinen Familienfest im Hof getroffen. Während die drei Kinder der Frau (vier, acht und elf Jahre alt) im Hof fröhlich gespielt hätten, habe man der 34-Jährigen noch deutlich angemerkt, wie sehr sie der Brandanschlag mitgenommen habe. Zudem habe man erfahren, dass sie im diktatorisch regierten Simbabwe ihren Ehemann verloren habe. Der Anschlag habe daher psychisch zusätzlich große Wunden geschlagen, zumal die Frau um ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder habe fürchten müssen.

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  • Hayat Khudeeda Edo mit ihrem Sohn Mewan Khero Ali. Die kurdischen Jesiden aus dem Irak haben nach wie vor Angst. as (2)
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Salzhemmendorfs stellvertretender Bürgermeister Karsten Appold (Grüne) hatte die betroffene Familie aus Simbabwe nach dem Brandanschlag spontan aufgenommen (wir berichteten). Nach Angaben von Pommerening habe man inzwischen eine Wohnung für die Familie gefunden. Aller Voraussicht nach werde sie in der nächsten Woche dort einziehen können. Für zwei Ivorer aus der Unterkunft verlief der gestrige Tag dagegen weniger erfreulich. Nach Dewezet-Informationen erhielten die beiden Männer von der Elfenbeinküste ihren Abschiebebescheid. Sie waren als Bootsflüchtlinge in Italien angekommen, dorthin sollen sie nun zurück. Die Männer haben nun zwei Wochen Zeit, Einspruch zu erheben.

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