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Fatiha Ibn Aomar-Fathi ist fast 24 Stunden im Einsatz

Deshalb sind Sprachmittler so wichtig

Hameln (red). Vor über zehn Jahren kam Fatiha Ibn Aomar-Fathi aus Marokko nach Deutschland. Die 37-Jährige hat in ihrem Heimatland studiert und kam eher zufällig über ihren Job als Dolmetscherin in einer Deutschen Stiftung nach Deutschland. In dem für sie neuen Land absolvierte die Marokkanerin eine Ausbildung im Hotelfach und arbeitet mittlerweile ganztägig als hauptamtliche Sprachmittlerin für Arabisch in Hamelns Erstaufnahmeeinrichtung auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne. Ein ausfüllender und oft auch belastender Job, wie sie sagt.

veröffentlicht am 09.02.2016 um 10:19 Uhr
aktualisiert am 10.02.2016 um 16:18 Uhr

Fatiha Ibn Aomar-Fathi „bei der Arbeit“.

Wiederum durch Zufall ist sie zu dieser Anstellung gekommen. Anfänglich, als die ersten Flüchtlinge auf dem Kasernengelände ankamen, hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann auf ehrenamtlicher Basis geholfen zu übersetzen. Bei einer Informationsveranstaltung zu den beruflichen Möglichkeiten in der Erstaufnahmeeinrichtung, die vom Hamelner Jobcenter angeboten wurde, haben Mitarbeiter des DRK-Kreisverbandes Weserbergland nachgefragt, ob sie sich eine Festanstellung als Sprachmittlerin in der Einrichtung vorstellen könne. „Ich hatte großes Interesse an dieser Herausforderung. Viele Menschen in der Unterkunft sind Landsleute, denen wir helfen können – sei es auch „nur“ mit Sprache“, begründet sie ihre Entscheidung, das Stellenangebot anzunehmen.
Mittlerweile ist sie auch Sprecherin der insgesamt 22 Sprachmittler: Sie schreibt Dienst- und Urlaubspläne, organisiert die Einteilung und arbeitet genau wie ihre Kolleginnen und Kollegen in einem Zweischichtsystem, um so den Bewohnern der Einrichtung eine größtmögliche Hilfe anbieten zu können. Die verschiedenen Arbeitsbereiche erstrecken sich von Einsätzen im Medical Center, bei den notfallpsychologischen Sprechstunden für die Bewohner, an extra eingerichteten Infopunkten, bei den Transfers, bei Vormundschaftsfällen der allein reisenden Minderjährigen, in der Mensa, bei Familienzusammenführungen bis hin zu den Übersetzungen in den Sozialarbeiterbüros an jeweils zwei Tagen in der Woche. Sobald sie das Gelände betritt, ist sie im Dienst, wird angesprochen und muss übersetzen. „Der Arbeitstag in der Erstaufnahmeeinrichtung verläuft stets unter Volldampf“, erzählt die junge Frau.

Doch auch Krankenhäuser und Arztpraxen fragen nach den Sprachmittlern der Erstaufnahmeeinrichtung, um die Flüchtlinge in die Praxen zu begleiten und zu übersetzen. „Das können wir gar nicht leisten“, betont Fathi. „Wir sind insgesamt 22 Sprachmittler für 

1.000 Bewohner, pro Schicht vier Personen für die unterschiedlichen Sprachen. Gerne helfen wir in dringenden Fällen – aber mehr ist nicht leistbar. Langfristig müssen die Praxen dieses Problem tatsächlich selbst lösen.“
Mittlerweile wird Fathi sogar in ihrer Freizeit in der Stadt angesprochen, ob sie „mal kurz helfen könne“. „Ich muss lernen, Abstand zu gewinnen und Nein zu sagen“, erklärt sie. „Denn tut man das nicht – ist der Beruf Sprachmittler schnell ein 24-Stunden-Job.“
Hinzu kommt die psychische Belastung. Viele Menschen haben auf ihrer Flucht nach Deutschland schreckliche Dinge erlebt, Angehörige, manchmal sogar die eigenen Kinder, verloren. Um das Erlebte zu verarbeiten, sprechen die Menschen darüber – hier stehen die Sprachmittler an vorderster Front. „Es ist unglaublich schwer, die persönlichen Schicksale nicht zu nah an sich heranzulassen. Wir sind das Sprachrohr der Flüchtlinge und nicht ihre Berater.“ Und trotzdem treten der Sprachmittlerin Tränen in die Augen, als sie von einer Frau erzählen will, die auf der Flucht ihre Kinder verloren hat. „Man nimmt einige Geschichten mit nach Hause. Ich bin allein durch die Sprache näher an der Kultur. Das weckt Gefühle. Manchmal schäme ich mich auch für meine Landsleute. Man benötigt viel innere Stärke, um Distanz zum Geschehen zu wahren. Am Ende des Tages bin ich einfach leer und erschöpft von den vielen Informationen.“
Damit die Sprachmittler an ihrer Last nicht zerbrechen, haben die Einrichtungsleitungen regelmäßige Supervisionen eingeführt: Einmal in der Woche treffen sie sich mit einem erfahrenen Supervisor in zwei Gruppen, um über das Erlebte zu sprechen und dieses so besser verarbeiten zu können. „Hier habe ich das erste Mal verstanden, dass es den Kollegen genauso geht wie mir“, erklärt Fathi immer noch erstaunt.

Fatiha Ibn Aomar-Fathi ist sich der Verantwortung, die ihr Beruf mit sich bringt bewusst. Sie weiß, dass es für die Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung um Alles oder Nichts geht, dass sie in einer Extremsituation sind. „ Von uns hängen die Schicksale vieler Menschen ab.“ Denn die Sprachmittler sind die Personen, die den Bewohnern auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne die Grundkenntnisse für Integration mit auf den Weg geben können. Eigenschaften wie Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Verhalten in der Öffentlichkeit werden in anderen Kulturen unterschiedlich gehandhabt. „Ich wünsche mir trotzdem mehr Toleranz für Menschen mit Migrationshintergrund. Vor vielen dieser Menschen liegt ein langer Weg der Integration. Doch auf diesem Weg erhalten auch viele Menschen die Möglichkeit, sich zu beweisen – seien es Flüchtlinge, Migranten oder Deutsche.“

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