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Wilfried Binder (SPD) leitet die Linsingen Kaserne – was CDU und Grünen nicht gefällt

Der Offizier der Flüchtlinge

Hameln. Es ist wohl eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die es derzeit in Hameln zu schultern gibt: das Management der Flüchtlingsunterkunft Linsingen Kaserne. Nachdem die Ehrenamtlichen abgezogen waren, hatte zunächst Thomas Erbslöh, Leiter des DRK-Seniorenstifts Aerzen, den Job übernommen. Aber nur kurz: Am 12. Oktober trat ein in Hameln alles andere als Unbekannter den Dienst an: Wilfried Binder, Fraktionsvorsitzender der SPD im Hamelner Stadtrat.

veröffentlicht am 13.11.2015 um 14:33 Uhr
aktualisiert am 16.11.2015 um 16:50 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann

Der 57-jährige Binder, der seit rund zwei Jahren im Ruhestand ist, kam aber nicht selbst auf die Idee – sondern wurde nach eigenen Angaben von Parteikollegin Gabriele Lösekrug Möller, Staatssekretärin von Arbeitsministerin Andrea Nahles, darauf angesprochen. „Ich glaube, ich kann hier etwas bewegen“, beschreibt Binder seine Motivation zum neuen Job, „ich glaube, wir machen deutlich Fortschritte.“

Ein SPD-Politiker als Kasernenleitung – passt das zusammen? Die Personalie Binder ruft die schwarz-grüne Mehrheitsgruppe auf den Plan. Sie vermutet hier mehrere Konfliktpunkte. „Wie ist das mit dem Fraktionsvorsitz vereinbar?“, sorgen sich Thomas Meyer-Hermann (CDU) und Grünen-Fraktionschefin Ursula Wehrmann. Sie hätten sich gewünscht, dass Binder seinen Fraktionsvorsitz für die Dauer seines Einsatzes in der Kaserne ruhen lässt. Schließlich könne er nun inhaltlich „in die Bredouille kommen“, wenn es um die Nachnutzung des Kasernengeländes etwa durch die Technische Akademie gehe, sagt Wehrmann. „Vertritt er das Stadtentwicklungskonzept der Stadt Hameln oder vertritt er den Landkreis?“, fragt Meyer-Hermann. Binder sieht das Problem nicht. „Ich stehe in keinem Abhängigkeitsverhältnis zu Landrat Tjark Bartels“, sagt Binder, „sondern völlig frei in meinen Entscheidungen“. Offiziell ist Binder auch beim Deutschen Roten Kreuz angestellt, und nicht beim Landkreis. Sein Vertrag läuft, wie bei allen Mitarbeitern, bis Ende 2016. Was die Frage der künftigen Nutzung der Linsingen Kaserne angeht, würde Binder schon gern an der Idee des Bildungscampus festhalten. Die Flüchtlingsunterkunft zu verlegen, sei allerdings auch nicht einfach – „die Infrastruktur in der Linsingen Kaserne ist sehr gut“. Landrat und Oberbürgermeister sprächen am Freitag miteinander – dann werde man sehen, wie es weitergehe, so Binder. Er hält die Anwürfe der Mehrheitsgruppe für eine Neiddebatte.

Dass es überhaupt zu einem Wechsel bei der Kasernenleitung kommen musste, liege daran, dass Erbslöh wieder zu seiner alten Aufgabe im Seniorenstift zurückkehren wollte, wie Lieselotte Sievert, pädagogische Leiterin in der Linsingen Kaserne, auf Nachfrage mitteilt. Und nicht etwa, weil er keine gute Arbeit geleistet habe. „Er hatte die Option, zurückzugehen.“ Mit Binder habe man eine auf den ersten Blick vielleicht etwas ungewöhnliche Wahl getroffen, „aber er macht es gut“. Die berufliche Qualifikation bringt der ehemalige Offizier bei der Bundeswehr mit. Von der Führungsverantwortung in mehreren Bereichen – von Personal bis Logistik – bis zu Auslandseinsätzen im Kosovo und in Afghanistan hat der Sozialdemokrat für die organisatorische Leitung der Kaserne das passende Profil. Und auch wenn sein Ruhestand jetzt etwas aus der Ruhe gekommen ist – er habe eine „moralische Verpflichtung“ gespürt, die Aufgabe anzunehmen.

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