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Florian Marhenke will helfen – und wird dafür auf Facebook beschimpft und bedroht

Der Fluch der guten Tat

Salzhemmendorf/Lauenstein (as). „Pass auf, was Dein Hund so frisst!“ „Irgendwann brennt es bei Dir auch!“ Florian Marhenke aus Lauenstein will Flüchtlingen helfen – und erntet dafür auf seiner Facebook-Seite und in den persönlichen Nachrichten an ihn seit Tagen einen Shitstorm, eine Flut von negativen Kommentaren für seinen Einsatz, wie er es nie für möglich gehalten hätte. Er sei mehrfach bedroht und beleidigt worden auch von Menschen, die er überhaupt nicht kenne.

veröffentlicht am 04.09.2015 um 20:21 Uhr
aktualisiert am 15.09.2015 um 16:24 Uhr

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Der 33-Jährige aus Lauenstein war am Freitag (28. August) nach dem Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in Salzhemmendorf spontan zum Tatort gefahren, hatte Kuchen für die Bewohner des betroffenen Hauses gekauft und auch noch einen Tretroller mitgebracht, den die Bäckerei Bohne gespendet hatte (wir berichteten).

Medienwirksam informierte Marhenke Ministerpräsident Stephan Weil von seiner Aktion, bevor er die Spenden übergab. Er wolle ein Zeichen setzen, deutlich machen, dass es nicht nur böse Menschen gibt, sondern viele, die sie für andere Menschen einsetzen. Und er wolle es nicht bei diesem einen Mal belassen, sondern weitermachen, auch andere motivieren, mitzuhelfen. Nach eigenen Angaben sammelt er nun selbst Bekleidung für Flüchtlinge, habe über Facebook andere dazu aufgerufen, ebenfalls Bekleidung zu spenden. Die Resonanz sei sehr groß und positiv gewesen.

Doch nun erlebe er, wie sein Name öffentlich in den Dreck gezogen werde. Auf Marhenkes Facebook-Profil sind in der Tat viele unfreundliche Kommentare zu lesen. Er wird als schlechter Mensch bezeichnet, als jemand, der sich auf Kosten anderer in den Vordergrund spiele. Zudem wird ihm vorgeworfen, ein Wendehals zu sein, im Mai noch etwas ganz anderes gepostet zu haben. Die Kritiker beziehen sich auf einen Facebook-Beitrag vom 19. Mai. Dort hatte Marhenke wörtlich geschrieben: „Spenden hier, Spenden da … überall sollen wir spenden. Ich frage mich, wer spendet für uns? Warum kümmern wir uns nicht mal um uns selbst zuerst? (…) Denn Fakt ist doch, dass sobald diese Länder ihr Geld haben, wir wieder die bösen Nazideutschen sind, die so viel Unheil gebracht haben. Beispiel Griechenland! KEIN LAND der Welt wird von mir ’nen Euro erhalten, das sich selbst zerstört und am Ende sind sie eh alle selbst dran Schuld, dass es ihnen so geht!“ Marhenke steht auf Nachfrage zu diesem Post, der nach seiner Aussage auf die Griechenlandkrise gemünzt gewesen sei. Damals sei es darum gegangen, einem maroden Staat, der sich selbst in die Schuldenkrise gebracht habe, mit viel Geld unter die Arme zu greifen. Das habe mit dem aktuellen Flüchtlingsdrama überhaupt nichts zu tun. Jetzt gehe es darum, Menschen zu helfen, die in großer Not seien.

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Natürlich erhalte er auch Zuspruch, Aufmunterungen, weiterzumachen, sich nicht wegzuducken. Allerdings habe er angesichts der Anfeindungen nun auch Angst, räumt Marhenke ein. Er sei halt kein Till Schweiger, der im Gegensatz zu ihm nicht so angreifbar sei. Zudem würde er sich wünschen, mehr moralische Unterstützung für seinen Einsatz zu erhalten. Allen Drohungen zum Trotz werde er dennoch weitermachen und nicht aufgeben. Diesen Gefallen werde er seinen Kritikern nicht tun. Unabhängig von der negativen Resonanz auf seiner Facebook-Seite, gibt es aber auch andere Kritiker, denen Marhenkes mediale Präsenz zu weit geht. Manchmal sei weniger Aufmerksamkeit mehr, sagt beispielsweise Carsten Gülke, der selber gerade eine Kleiderspendenaktion für Flüchtlinge im Rewe-Markt Salzhemmendorf gestartet hatte.

Nach Angaben der Bürgerhilfe am Ith in Lauenstein (sie koordiniert in Abstimmung mit der Gemeinde Salzhemmendorf die Verteilung der Spenden für Flüchtlinge) werden derzeit insbesondere Bettwäsche, Handtücher, Geschirrtücher, Tischtücher und haltbare Lebensmittel benötigt. Gleiches gelte für Spielzeug und Drogerieartikel. Vorsitzende Gabriele Ehle betont, dass prinzipiell jede Art von Hilfe willkommen sei – finanziell, materiell, personell und ideell.

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