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Für Flüchtlings-Kinder ist der Schulstart eine besondere Herausforderung

Der erste Schultag in der Fremde

Hameln. Naima kommt in den Klassenraum. Die Zweitklässlerin kann kein Wort Deutsch, die Kinder der Klasse der Grundschule Rohrsen schauen sie neugierig an – aber lächeln. Naima hatte am Donnerstag ihren ersten Schultag an einer deutschen Schule, ist neu im Landkreis, sie hat noch keine Freunde und weiß nicht, wie es ist, in eine deutsche Schule zu gehen. In Montenegro hat sie zwar die erste Klasse besucht, doch war die Schule in dem fernen Balkanstaat eine ganz andere als hier in Deutschland.

veröffentlicht am 03.09.2015 um 17:06 Uhr
aktualisiert am 04.09.2015 um 16:40 Uhr

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Autor:

Svenja-A. Möller

An der Grundschule in Rohrsen sind am ersten Schultag nur zwei Schüler neu hinzugekommen, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind und kein Deutsch können. „Einer der Schüler fehlt jedoch noch“, sagt Schulleiterin Birgit Albrecht. Kurze Zeit später der Anruf: der Schüler ist zur falschen Schule gefahren, er wird gleich kommen. Ohnehin geht es am ersten Schultag ein wenig drunter und drüber. „Die Kinder der ersten und zweiten Klassen werden mit dem Taxi abgeholt, ab der dritten Klasse jedoch nicht mehr, dann müssen sie Bus fahren. Es ist schwierig, den Eltern klarzumachen, was sich verändert hat“, sagt Albrecht. Die Grundschule Rohrsen hat – auch durch ihre Nähe zum Kuckuck – einen recht hohen Anteil von Schülern mit einem Migrationshintergrund. Immer wieder kommen Eltern in das Schulgebäude, die selber kein Deutsch sprechen. Ihre Kinder übersetzen die Fragen. Wann endet die Schule heute? Wo fährt der Bus ab? Wann backen wir den Kuchen für die Einschulung?

10 von 30 Erstklässlern der Grundschule kommen

nicht aus Deutschland

Auch eine junge Familie stellt sich vor, bringt den Sohn, der eigentlich erst ab Samstag zur Schule gehen soll. Zu erklären, dass zwar der erste Schultag ist, die ersten Klassen jedoch erst Samstag eingeschult und ab Montag unterrichtet werden, sei immer etwas kompliziert, erklärt Albrecht. „Wie oft habe ich in den letzten Tagen Zuckertüten aufgezeichnet, um den Eltern zu erklären, wie die Einschulung in deutschen Schulen so läuft“, sagt die Schulleiterin. Kommenden Samstag werden in der Grundschule Rohrsen zehn Kinder eingeschult, die in Albrechts Liste mit einem Migrationshintergrund beziehungsweise als Flüchtlingskind vermerkt sind. Insgesamt werden 30 Kinder eingeschult. „Die Einschulung werden wir wahrscheinlich in zwei oder sogar drei Sprachen abhalten. Allerdings fehlt noch jemand, der Kurdisch spricht“, sagt Albrecht.

Ab Montag werden nach gestrigem Stand 12 Kinder die kleine Grundschule besuchen, ohne ein einziges Wort ihres Umfeldes zu verstehen. Damit sich das möglichst schnell ändert, werden sie in Sprachlerngruppen betreut, eine eigene Sprachlernklasse gibt es an der Grundschule nicht. „Die Kinder nehmen normal am Unterricht ihrer Klasse teil und werden dann einzeln aus dem Unterricht herausgenommen, um in den Gruppen Deutsch zu lernen“, erklärt Albrecht. Eigentlich können in den Lerngruppe maximal 16 Kinder betreut werden. „Ich würde sagen, jetzt gerade sind wir so bei 22“, schätzt Albrecht. In den unterteilten Kleingruppen wäre das zwar aufwendig, aber machbar. Auch durch den Kontakt untereinander würden die Kinder schnell Deutsch lernen. „Irgendwann sind sie dann soweit, dass sie sogar für jüngere Schüler übersetzen können“, erklärt Albrecht.

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  • Viele Grundschüler haben einen Migrationshintergrund. sak
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  • Im täglichen Morgenkreis begrüßt Schulleiterin Birgit Albrecht (re.) alle Kinder und stellt auch neue Mitschüler vor. sak

Doch nicht in allen Lebenslagen können die Lehrer und die an der Schule eingesetzten Mitarbeiter des Vereins Sozial-Aktiv-Menschlich e.V. (SAM) den Neuankömmlingen helfen. Besonders im Gedächtnis geblieben ist der Schulleiterin das Bild einer Erstklässlerin, das im Kollegium für Aufsehen gesorgt hat. „Sie konnte auch kaum Deutsch und sollte im Unterricht ein Bild malen. Gemalt hat sie dann das hier“, sagt Albrecht und legt die Zeichnung von Meyav vor. Die Detailtreue der Brutalität habe überrascht. „Die Flaggen auf den Flugzeugen, die Panzer und Gewehre“, erklärt Albrecht. Malen andere Kinder in dem Alter wahrscheinlich ein Haus, Mama und Papa, zeichnete Meyav das, was sie in ihrer Heimat Syrien gesehen hat: Menschen die sich gegenseitig niederschießen und Menschen die blutend am Straßenrand liegen. „Das was die Kinder erlebt haben, muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Und wir erwarten hier dann, dass sie pünktlich um 8 Uhr auftauchen, mit einem ordentlichen und gepflegten Schulranzen, einem Frühstück. Und das soll am besten noch aus viel Obst und Gemüse bestehen“, sagt Albrecht. Man müsse sich daran erinnern, aus welchen Verhältnissen die Kinder und Familien nach Deutschland kommen.

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