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f der Flucht vor Krieg und Terror – für Sima und Paula ist eine Odyssee zu Ende gegangen

„Danke, Deutschland!“

Hameln (ube). Viele Tage waren sie unterwegs – mit dem Boot, mit dem Auto, mit dem Zug und mit dem Bus: Gestern Abend ist für Sima (19) und Paula (29) eine Odyssee zu Ende gegangen. Die Schwestern sind aus der syrischen Stadt Aleppo geflüchtet. Krieg, Tod und Terror haben sie dazu gebracht, ihre Heimat zu verlassen.

veröffentlicht am 07.09.2015 um 11:04 Uhr

Nach einer Flucht durch neun Länder endlich in Sicherheit: Sima und Paula aus der syrischen Stadt Aleppo. Foto: ube

Hameln (ube). Viele Tage waren sie unterwegs – mit dem Boot, mit dem Auto, mit dem Zug und mit dem Bus: Gestern Abend ist für Sima (19) und Paula (29) eine Odyssee zu Ende gegangen. Die Schwestern sind aus der syrischen Stadt Aleppo geflüchtet. Krieg, Tod und Terror haben sie dazu gebracht, ihre Heimat zu verlassen. Müde sehen sie aus. Erschöpft sind sie. Den Frauen sind die Strapazen anzusehen. Syrien, Libanon, Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, und endlich Deutschland – durch diese neun Länder verlief ihre Fluchtroute. Nun sitzen sie in Hameln in der Sporthalle einer ehemaligen britischen Kaserne und hören zu, was ihnen Tjark Bartels zu sagen hat. „Wir freuen uns, dass Sie hier sind“, sagt der Landrat. Sima und Paula sind die einzigen Frauen unter den 93 Flüchtlingen. Sie freuen sich, dass die Deutschen so freundlich zu ihnen sind.
Faris stammt ebenfalls aus Syrien. Der 41-Jährige bedankt sich bei den Hamelnern für die Gastfreundschaft. „Thank you! Thank you!“, sagt er immer wieder. „Ich bin so froh, hier zu sein.“ Sein Freund Khaled nickt und lächelt. Dann formt er seine Daumen und Zeigefinger zu einem Herz. „Deutschland ist gut zu uns“, sagt er und hält dabei den rechten Daumen hoch.
Dort, wo noch vor ein paar Monaten olivgrüne Amphibienfahrzeuge und Geländewagen der britischen Pioniere standen, parken nun weiße und ockerfarbene Einsatzfahrzeuge des Roten Kreuzes, haben Menschen, die vor Tod, Gewalt, Elend und Verfolgung geflüchtet sind, eine vorübergehende Bleibe gefunden. Nur ein Kind ist unter den Hilfesuchenden. Der Junge sei zehn Jahre alt, sagt der Ärztliche Leiter des Rettungsdienstes, Dr. Jörg Meckelburg, der an der geöffneten Bustür jeden einzelnen Flüchtling mit einem „Welcome“ begrüßt hat. Am späten Abend heißt es, 200 weitere Flüchtlinge würden in der Nacht in Hameln eintreffen.
In die ehemalige Linsingen-Kaserne ist wieder Leben eingekehrt, herrscht plötzlich geschäftiges Treiben. Das Niedersächsische Innenministerium hat vom DRK eine Übergangsunterkunft einrichten lassen. Eigentlich sollten die Notleidenden erst am Dienstag nach Hameln kommen. Am Ende haben sich die Ereignisse überschlagen.
Vieles gab es im Vorfeld zu regeln: Installateure mussten die abgeschaltete Heizung wieder in Betrieb nehmen, eine Putzkolonne die seit vielen Monaten leer stehenden Gebäude reinigen, ein Sicherheitsdienst gefunden werden. Und das am Wochenende.
Am Sonntagmorgen ließ Einsatzleiter Michael Bretzing vom DRK 350 Feldbetten, Wolldecken und Kopfkissen aus Hannover holen. Am Nachmittag wurden sie mithilfe von Feuerwehrleuten der Kreisbereitschaft West in den Wohnblöcken aufgestellt. Das Gesundheitsamt musste nur noch rasch das Trinkwasser untersuchen, die Großküche in der Kaserne reaktiviert werden. „Wir haben wirklich alles überprüft – jeden Wasserhahn, jede Steckdose, jeden Lichtschalter, jeden Gasherd“, erzählt DRK-Helferin Julia Kuhnke. Was kaputt war, wurde sofort repariert. Günter Schindler und Detlef Grollmann haben alle Zimmer inspiziert und einen Belegungsplan erstellt.
300 Ehrenamtliche engagieren sich für Flüchtlinge. DRK und Feuerwehr arbeiten gegen die Zeit – und bis zur Erschöpfung. Alles soll glänzen und vor allem funktionieren, bevor die Kriegsflüchtlinge ihr Quartier beziehen. Ein Kraftakt. Am späten Nachmittag ist es geschafft: Mensa, Cafeteria, Wasch- und Toilettenräume erstrahlen im neuen Glanz, die Zimmer – große und kleine – sind bezugsfertig.
Spezialisten des Technischen Hilfswerks aus Hameln und Wunstorf leuchten das Gelände aus. Die Hamelner Feuerwehr ist dabei, auf dem Gelände eine Wache einzurichten. „Solange die Brandmeldeanlage noch nicht überall wieder einwandfrei funktioniert, werden Freiwillige den Brandschutz sicherstellen“, erklärt Stadtbrandmeister Gerhard Rathing.
Auch für die Sicherheit hat das DRK gesorgt: Security-Leute haben die Wache am Haupttor besetzt und eine Überwachungskamera installiert. Sicherheitschef Kai Trudwig ist Herr über 600 Schlüssel.
Nach der Erstuntersuchung und der Registrierung können die Flüchtlinge das Kasernengelände jederzeit verlassen. „Wir sind so glücklich“, sagt Faris. „Danke, Deutschland!“

„Wir sind so glücklich“, sagt Faris (links). Khaled formt mit seinen Daumen und Zeigefingern ein Herz. Foto: ube
  • „Wir sind so glücklich“, sagt Faris (links). Khaled formt mit seinen Daumen und Zeigefingern ein Herz. Foto: ube
Dr. Jörg Meckelburg heißt die Flüchtlinge willkommen.
  • Dr. Jörg Meckelburg heißt die Flüchtlinge willkommen. Foto: ube
Techniker des Roten Kreuzes nehmen die Großküche in der Kaserne in Betrieb. 300 Ehrenamtliche von DRK, Feuerwehr und THW engagieren sich für Flüchtlinge.
  • Techniker des Roten Kreuzes nehmen die Großküche in der Kaserne in Betrieb. 300 Ehrenamtliche von DRK, Feuerwehr und THW engagieren sich für Flüchtlinge. Foto: ube

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