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Alaa Ihsan ist Journalist und in diesem Sommer aus Syrien geflüchtet

Aus der Kaserne in die Redaktion

Er ist einer von knapp 900 Flüchtlingen, die derzeit in der Hamelner Linsingen-Kaserne leben. Alaa Ihsan ist 26 Jahre alt, Syrer und Journalist. Am Dienstag war er zu Besuch in der Dewezet-Redaktion und erzählte über seine Flucht.

veröffentlicht am 22.09.2015 um 18:21 Uhr
aktualisiert am 23.09.2015 um 15:55 Uhr

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Von Nicole Trodler

Hameln. 2500 Dollar – das ist der Betrag, den Alaa Ihsan für seine Flucht nach Deutschland aufbringen musste. Die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn – das sind die Stationen seiner Reise. Den Entschluss zur Flucht fasste der 26-Jährige erst vor zwei Monaten. Bereits am 8. August erreichte er Deutschland, in Hameln lebt er seit Anfang September. Er ist einer der mittlerweile knapp 900 Flüchtlinge in der Linsingen-Kaserne, war einer der ersten, die auf das Gelände gezogen sind.

In der Hamelner Erstaufnahmeeinrichtung will er so wenig Zeit wie möglich verbringen, dort sei einfach nichts zu tun. Stattdessen ist er viel in Hameln unterwegs. Bei der Orientierung verlässt er sich auf das GPS seines Smartphones. Dieses hat ihn am Dienstag auch zur Dewezet geführt. Es war aber nicht nur gegenseitiges Interesse, das zu diesem Besuch geführte, es war auch ein Treffen unter Kollegen. Denn: Alaa Ihsan hat in Syrien Journalismus studiert und bereits als Journalist gearbeitet.

Der Grund für Ihsans Flucht ist naheliegend: Der Bürgerkrieg in Syrien. Besondere Angst hatte er jedoch davor, in die Armee eingezogen zu werden. Normalerweise müssen Syrer bereits im Alter von 18 Jahren ihren Wehrdienst antreten. Es sei denn, sie beginnen ein Studium, dann gibt es einen Aufschub.

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  • Bis sie ihre Papiere bekommen, ist dies das einzige Personaldokument der Flüchtlinge in der Linsingen-Kaserne. Wal

Als sich sein Studien-Ende näherte, machte sich Alaa Ihsan im Juli von Damaskus aus mit drei Freunden auf den Weg in die Türkei. Erste Station: Izmir. Die türkische Küstenstadt ist derzeit ein Sammelpunkt für Flüchtlinge und Schmuggler und der Ausgangspunkt für den gefährlichsten Teil der Reise nach Europa, die Überfahrt nach Griechenland. Alaa Ihsan und seine Freunde wurden zunächst mit einem LKW zur Küste gebracht. 80 Menschen in einem luftdicht verschlossenen Fahrzeug, zusammengepfercht „wie Schafe“. Viel mehr Platz gab es dann auch auf dem Schlauchboot nicht, erzählt er weiter. Eine Stunde dauerte die Überfahrt zur Insel Mytilini, knapp 40 Menschen an Bord, das Boot neun Meter lang und zwei Meter breit. Das war Ende Juli. Acht Tage Fußmärsche, Zug- und Autofahrten später, erreichten die vier Freunde deutschen Boden. Ihsan machte sich zunächst auf den Weg zu seinem Cousin nach Kassel, meldete sich dann im nächstgelegenen Erstaufnahmelager im niedersächsischen Friedland und wurde schließlich nach Hameln gebracht.

Alaa Ihsan ist ein Flüchtling, wie ihn die deutsche Regierung gerne sieht: Gut ausgebildet, engagiert und kontaktfreudig. Am Wochenende hat er bereits bei der Auswertung der Fragebögen geholfen, die am letzten Freitag in der Linsingen-Kaserne verteilt worden sind. Er spricht gut Englisch. Auch Deutsch will der 26-Jährige schnell lernen. Da er noch keinen Sprachkurs belegen kann, versucht er mithilfe von YouTube-Videos die ersten Vokabeln zu lernen. Aber WLAN ist auf dem Kasernengelände selten. Nur zehn Personen könnten dort zugleich ins Internet gehen, erzählt Ihsan. Um dennoch online zu bleiben – auch um Kontakt mit Freunden und Verwandten zu halten – hat er sich im Supermarkt eine Prepaid-Karte zugelegt.

Der 26-Jährige weiß sich zu helfen, ist gut vernetzt. Die einzelnen Stationen seiner Flucht hat er via Smartphone dokumentiert und teilte sie öffentlich auf Facebook und Twitter. Außerdem hat er bereits Kontakte in Deutschland, beispielsweise den Cousin aus Kassel. Sein Bruder ist mittlerweile ebenfalls aus Syrien geflüchtet und wartet in Hamburg auf die Entscheidung zu seinem Asylantrag. Die Brüder, die ihre Mutter und zwei Schwestern in Syrien zurück gelassen haben, wissen beide noch nicht, wie es nun weiter geht.

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