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Die DRK-Einrichtung an der Königstraße hat zehn Flüchtlingskinder aufgenommen

Aus dem Sudan in die Kita

Hameln. 57 Prozent Migranten, 22 Nationen – bunt ist die Zusammensetzung in der DRK-Kita Königstraße. Seit Kurzem noch etwas bunter und herausfordernder, weil zehn Flüchtlingskinder dazugekommen sind, die kein Wort Deutsch sprechen. Und von denen die meisten im nächsten Jahr in die Schule kommen sollen. Leiterin Martina Krekow und Sozialpädagogin Dagmar Wohlfahrt haben gut zu tun, um diese Kinder – und, schwieriger, die Eltern – zu integrieren.

veröffentlicht am 28.09.2015 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

„Wir haben schon Verträge im Gemüseladen ausgehandelt“, erzählt Martina Krekow. Dort, an der Kaiserstraße, führt Amar Youssef besagten Laden und ist fast rund um die Uhr Ansprechpartner für Flüchtlinge, dolmetscht, begleitet, erklärt Deutschland auf Arabisch, Kurdisch oder Türkisch. Neben ihm, der vor 20 Jahren aus Syrien kam, gibt es auch in der Kita Kollegen, die türkisch und englisch sprechen, selbst die Tochter einer Reinigungskraft springt bei Bedarf ein, weil sie albanisch spricht. „Und in der Elternschaft haben wir jemanden gefunden, der kurdisch spricht – der ist so glücklich, dass er jetzt helfen kann“, sagt Martina Krekow. Die größte Hürde für die Familien sei neben der Sprache die Bürokratie. Anträge, Verträge, zu diesem und zu jenem Amt – auch, wer der deutschen Sprache mächtig ist, scheitert schon mal daran. Wer ihrer nicht mächtig ist, hat ein ungleich größeres Problem.

Meist stehen die Familien unvermittelt vor der Tür, weil sie von irgendwo in die Kita geschickt wurden. Schlimmer aber sei es, wenn sie nicht kommen oder spät. „Eine Familie ist schon seit letztem Jahr hier, und jetzt, ein Jahr vor der Schule, soll das Kind in den Kindergarten.“ Die Eltern, da sind sich die beiden Frauen einig, müssten viel früher von der Gepflogenheit erfahren, dass Kinder in Deutschland in den Kindergarten kommen. Doch auch, wenn sie’s wissen, müssten sie sich meist alleine darum kümmern, dass der erste Schritt dorthin auch gegangen wird. Ohne Deutsch zu können, fällt der schwer, und eine ständige Begleitung gibt es nicht.

Die zehn Kinder, die jüngst dazukamen, hatten Glück, weil es ausnahmsweise so viele freie Plätze gab. Damit nimmt Martina Krekow auch einigen Kritikern den Wind aus den Segeln: „Niemand nimmt einen Platz weg!“ Wenn ausgewählt werden muss, hätten jene Kinder Priorität, die als nächstes zur Schule kommen. Die gute Nachricht: „Für die Kinder selbst ist die neue Umgebung gar nicht so das Problem.“ Spielen ist international und braucht oft keine Sprache, vieles geht mit Händen und Füßen. Oft helfen die Kinder, die deutsch sprechen, den anderen, indem sie immer wieder Dinge beim Namen nennen, zum Beispiel so: „Das ist ein Schuh! Sag mal Schuh!“ Auch Karten, die der Visualisierung dienen, machen Kindern die Kommunikation leichter.

Das kindliche Bedürfnis, mit den anderen Kindern zu spielen, sei so groß, erzählt Dagmar Wohlfahrt, dass einige gleich am liebsten bleiben würden, wenn sie das erste Mal in die Kita kommen. Geplant ist, einen Treff explizit für Flüchtlingsfamilien einzuführen, der zweimal pro Woche stattfinden soll. Finanziert werden soll das über das DRK-Projekt „… dann geht’s uns gut“. Spätestens Anfang Oktober sollen die Treffen beginnen.

Die neuen Kinder machten nicht den Eindruck, dass sie traumatisiert sind, erzählt Leiterin Martina Krekow. Dennoch: In den Aufnahmegesprächen mit den Eltern erfährt sie von deren Vergangenheit, davon, wie sie geflohen sind. Das, was sie letztlich alle auf der Flucht per Boot, zu Fuß, per Bus und Zug erlebt haben, lässt sich nur erahnen. Sensibilisiert sind die Erzieherinnen im Umgang mit möglicherweise traumatisierten Kindern durch eine Schulung. „Manchmal ist es ja nur ein Geruch oder ein Geräusch“, der oder das Erlebtes wieder hochkommen lässt.

Für die künftige Arbeit haben Krekow und Wohlfahrt einige Wünsche, wohl stellvertretend für andere Kitas: personelle Aufstockung, ein multikulturelles Team („Arabisch fehlt“) und dass Familien mit Begleitung in die Kitas kommen, sei es mit Flüchtlingssozialarbeitern oder FiZ-Mitarbeitern.

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