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Das Team des Stuhlmuseums Eimbeckhausen hat Unterstützung bekommen

Auf der Flucht in ein sicheres Leben

Eimbeckhausen. Mehrere Monate hat ihre Flucht aus dem Sudan nach Deutschland gedauert. Seit drei Wochen leben Mohamed Alnour, Gamer Abubaker und Maleed Kamal in Eimbeckhausen. Sie eint das gleiche Schicksal, alle drei mussten ihre Familien zurücklassen –in der Hoffnung auf ein besseres Leben in der Fremde. Die ersten Brocken Deutsch haben sie bereits gelernt. Sie können „Guten Tag“ und „Wie geht es Ihnen“ sagen. Aber sie wollen mehr tun, arbeiten, sich engagieren. Beim Vorstand des Stuhlmuseums Eimbeckhausen haben sie damit offene Türen eingelaufen.

veröffentlicht am 03.09.2015 um 00:03 Uhr
aktualisiert am 12.10.2015 um 18:34 Uhr

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Autor:

Mira Colic

Zweimal wöchentlich kommen die Mitarbeiter des Stuhlmuseums in der Werkstatt zusammen, hier wird repariert und restauriert. Und nebenbei jetzt auch Integration betrieben, denn der 27-jährige Alnour, Abubaker (26) und Kamal (26) sind jetzt auch Mitglieder des Vereins, beitragsfrei. Und sie arbeiten auch mit – ehrenamtlich. Zwar können nur wenige der Tischler englisch, „aber mit Händen und Füßen geht das schon“, ist sich Bernhard Bonset sicher. Und wie, das macht Manfred Rothkugel gleich mal deutlich. Das Vereinsmitglied, das von Kindesbeinen an die Flechtkunst erlernt hat, zeigt den jungen Männern, wie ein alter Thonetstuhl eine neue Sitzfläche erhält.

Stühle abschleifen und ölen sowie kleine Hilfsarbeiten in der Tischlerei sollen zu Anfang die Hauptaufgaben der jungen Sudanesen sein. „Eben da, wo Not am Mann ist, können sie helfen“, erklärt Hans Müller, der die drei Männer als Integrationslotse betreut – und die Idee zur ehrenamtlichen Arbeit im Museum hatte. „Ich wäre sehr dankbar, wenn sich daraus Chancen für die Zukunft eröffnen.“ Denn für Asylbewerber gilt generell eine Wartefrist von drei Monaten, in denen sie gar nicht arbeiten dürfen. Wenn sie sich danach auf eine Stelle bewerben, wird zuerst geprüft, ob deutsche oder gleichgestellte ausländische Arbeitnehmer zur Verfügung stehen. Bis es soweit ist, möchten die Männer jedoch die Hände nicht in den Schoß legen. Sie sind froh, hier eine sinnvolle Beschäftigung gefunden zu haben, vielleicht damit auch einen ersten Schritt in die deutsche Berufswelt zu setzen.

Denn sie wollen alle in Deutschland bleiben, erzählt Alnour, der am besten von den Dreien englisch spricht. Er gibt einen Einblick in sein altes Leben, das exemplarisch für viele Flüchtlinge stehen kann. Nachdem sein Elternhaus von Milizen zerstört worden sei – Alnour hatte sich geweigert, der Armee beizutreten – sei er in die Hauptstadt Khartum geflüchtet. „Ich musste im Freien unter Bäumen schlafen.“ Dann habe er die Grenze zu Libyen überquert, wo er zwei Monate verbracht habe. So lange, bis er das Geld für die Schlepperbande zusammenhatte, die ihn gemeinsam mit 340 Menschen in einem kleinen Boot nach Italien brachte.

Während er erzählt, holt er sein Handy aus der Tasche – seiner einzigen Verbindung in die Heimat, zu seiner Familie. Er zeigt ein Bild von dem vollkommen überfüllten Boot. Die Flüchtlinge seien dann in ein großes Aufnahmelager nach Sizilien gebracht worden. „Dort haben sie mir gesagt, wenn ich meine Fingerabdrücke nicht abnehmen lasse, muss ich das Land verlassen“, erzählt Alnour. Und das macht er. Sein Ziel sei immer Deutschland gewesen: „ein freies Land, ein sicheres Land“.

Von den Demonstrationen gegen Flüchtlingsheime haben die Männer schon gehört. Darauf angesprochen, lächeln sie verschämt. Glücklicherweise seien die meisten Deutschen nicht so, „wenn ich durch Eimbeckhausen gehe, grüßen mich alle Leute immer ganz nett“, sagt Alnour und fügt am Ende hinzu: „Wir möchten hier nur in Frieden leben.“

Integrationslotse Hans Müller ist sucht noch händeringend nach einem Freiwilligen, der den Neubürgern in Eimbeckhausen Deutschunterricht erteilen kann. „Ich selbst traue mir das nicht zu, ich bin nicht pädagogisch ausgebildet“, erklärt Müller. Leider sei ein in dem Stuhldorf bereits vorhandener Kurs voll. Und auch die Kapazitäten in der Kernstadt seien ausgereizt.

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