weather-image
15°
Sonntag Wachwechsel in der Linsingen-Kaserne / Freiwillige werden bei Flüchtlingsbetreuung abgelöst

An der Belastungsgrenze

Hameln. Nach drei Wochen gibt es in der Linsingen-Kaserne den Wachwechsel – am späten Sonntagabend um 23 Uhr endet die letzte Schicht der ehrenamtlichen Kräfte von DRK, Feuerwehr und THW. DRK-Einsatzleiter Michael Bretzing übergibt die Aufgabe der Betreuung von derzeit fast 900 Flüchtlingen an hauptamtliche Kräfte: Lieselotte Sievert kümmert sich fortan um den sozialpädagogischen Bereich, Thomas Erbslöh um das Organisatorische. Es ist keine alltägliche Staffelstab-Weitergabe unter Kollegen, sondern der Wechsel vom Einsatz freiwilliger Helfer an ein schnell zusammengestelltes Team Hauptberuflicher.

veröffentlicht am 25.09.2015 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:00 Uhr

270_008_7775309_hm108_ube_2609.jpg
Marc Fisser

Autor

Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Es war ein Kraftakt, den Hunderte Freiwillige des Deutschen Roten Kreuzes, der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerkes seit Anfang September geleistet haben. Menschen nicht nur aus dem Raum Hameln, sondern auch aus anderen Regionen Niedersachsens kümmerten sich darum, den Flüchtlingen aus Syrien, dem Irak und weiteren Krisengebieten in der verwaisten Kaserne eine Unterkunft zu geben, sie zu verpflegen und medizinisch zu betreuen. „Die Kräfte arbeiteten an der Belastungsgrenze“, sagt Bretzing. Und meint damit auch die psychische Seite.

Wenn Mitmenschen von ihren traumatischen Erlebnissen erzählen, geht das den meisten nahe. „Die Gefühle lassen sich nicht abschotten“, weiß Jürgen Harms. Der Pastor der Paul-Gerhardt-Gemeinde ist seit langem als Notfallseelsorger unterwegs. „Es ist sehr wichtig, das Erlebte zu sortieren und zu kanalisieren. Es darf sich nicht zu tief ins Bewusstsein einbrennen“, erklärt er. „Da hilft es, möglichst bald mit jemandem darüber zu reden.“ Das Herz ausschütten – das ist ein altes und nachgewiesen wirkungsvolles Rezept.

Die DRK-Einsatzleitung für die Linsingen-Kaserne forderte bereits am zweiten Tag Notfallseelsorger für die Helfer an. Sie kamen vom Roten Kreuz und von der Kirche – und sind ebenfalls Ehrenamtliche. Die von Diakon Michael Ließ koordinierten sechs kirchlichen Seelsorger streiften anfangs jeweils zu zweit täglich von 10 bis 22 Uhr über das Gelände. Sie sprachen die Mitarbeiter an, mancher Smalltalk wechselte schnell auf die ernste Ebene. „Besonders auch die Türkisch und Arabisch sprechenden Sicherheitskräfte und die ehrenamtlichen Dolmetscher sind psychisch stark belastet“, berichtet Harms. Denn ohne die Sprachbarriere erführen sie noch unmittelbarer, was die Gäste mitmachen mussten und was deren Angehörige in der Heimat noch immer erleiden. Der Pastor erzählt von einer jungen Helferin, die schon nach zwei Stunden „psychisch am Ende ihrer Kräfte war“. Bretzing bestätigt: „Die Geschichten der Flüchtlinge sind teils heftig und übersteigen die Vorstellungskraft, besonders die junger Leute.“ Das Team ist zwischen 18 und Mitte 60 Jahre alt.

270_008_7775306_hm106_ube_2609.jpg
270_008_7775311_hm110_ube_2609.jpg
  • Vielfältige Aufgaben für Ehrenamtliche: DRK-Helfer begleiten Neuankömmlinge zur Registrierung, bereiten die Küche vor und begrüßen Flüchtlinge. ube (3)

Nach Auskunft der Helfer hat sich das Leben in der Kaserne eingespielt, es sei für alle ruhiger geworden. „Jeder der Flüchtlinge weiß jetzt, dass er ein Dach über dem Kopf hat, dass es Essen gibt und er vielerlei Unterstützung erfährt“, schildert Ließ. Anfangs seien Frauen und Kinder mitunter von Männern bei der Essensausgabe weggeschubst worden, auch in der Kleiderkammer und im Sanitätsbereich habe es Tumulte gegeben. Inzwischen habe niemand mehr Angst, zu kurz zu kommen.

„Zuerst war es hier hektisch wie in einem Ameisenstaat“, sagt Harms. Von einer „in der Regel freundlichen Atmosphäre“ berichtet Ließ. Bretzing erläutert: „Die ersten 100 Flüchtlinge waren überwiegend Männer. Danach kamen Eltern mit Kindern, insgesamt 796 Menschen. Es gibt keine Probleme zwischen Helfern und Gästen, höchstens mal Wortgefechte der Bewohner untereinander, aber das ist ganz normal.“ Dass sich DRK-Helferinnen von Männern aus dem arabischen Kulturkreis belästigt fühlten, wie es in Gerüchten heißt, bestätigt Bretzing nicht. Er betont: „Frauen sind hier schnell anerkannt. Übergriffe würden wir sofort bei der Polizei anzeigen.“

Die Sicherheitsleute, die über das Gelände verteilt sind, machen nach Worten von Ließ einen sehr guten Job: „Sie sind freundlich, zuvorkommend und treten vermittelnd auf.“ Angesichts der Entspannung haben die Helfer-Seelsorger ihre Stundenzahl in der Kaserne bereits stark verringert. Ab der kommenden Woche sind sie dort nur noch auf Anruf tätig.

Ex-Kreismitarbeiter

und Polizisten registrieren Flüchtlinge

Das Flüchtlingslager erreicht dann voraussichtlich seine geplante maximale Belegung mit 1000 Menschen. Auch für die angepeilten 126 neuen Mitarbeiter in der Kaserne ist das Deutsche Rote Kreuz der Arbeitgeber. Diese Köpfe, vom Koch bis zum Sozialpädagogen, werden nun kontinuierlich dort tätig sein, mit geregelten Arbeitszeiten und gegen Bezahlung. Und ohne das Gefühl, zwischen den Stühlen zu sitzen, weil auf der einen Seite die humanitäre Aufgabe steht und auf der anderen Seite der Chef nach einigen Tagen die Rückkehr an den Arbeitsplatz erwartet. Um den Bedarf an Helfern zu decken, musste Hameln-Pyrmonts DRK auf andere Kreisverbände zurückgreifen. „Anders als im offiziellen Katastrophenfall sind wir auf den Goodwill der Arbeitgeber unserer Helfer angewiesen“, erläutert Bretzing. Anders als bei großen Unglücken handelt es sich bei dem Flüchtlingsstrom um kein regionales Ereignis. „Es gibt überall in Deutschland ähnliche Aufgaben wie hier in Hameln.“ Deshalb sei die Anforderung von Unterstützung schwierig. Zuletzt schoben noch rund 70 Ehrenamtliche ihren 24-Stunden-Dienst für die Asylsuchenden. Anfangs waren es 120. Der Übergang zu den Hautamtlichen vollzieht sich seit Tagen fließend.

Für die Landkreisverwaltung bleibt es eine große Aufgabe, den Geflohenen beim Start in ihr neues Leben in jeder Hinsicht zu helfen. Mithilfe ehemaliger Kreis-Beschäftigter und unterstützt durch Polizisten soll in Kürze der Stau bei der Flüchtlingsregistrierung abgebaut werden.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare