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Dutzende verlassen Kaserne aus Angst vor Abschiebung

Afghanische Flüchtlinge untergetaucht

Hameln. Wenn er etwas ausspricht, gibt es zurzeit schnell Protest entweder aus der Opposition oder vom Flüchtlingsrat oder auch aus den eigenen Reihen. Auch in Hameln haben Äußerungen des Bundesinnenministers Thomas de Maizière und Pläne der Bundesregierung offenbar ganz unmittelbar Wirkung gezeigt. Der Ansatz, Afghanistan in Teilen als sicher zu deklarieren – ein Land, von dem man erwarten könne, dass seine Bewohner in ihm bleiben, ein Land, in das Deutschland die Flüchtlinge verstärkt abschieben sollte –, diese Aussage Ende Oktober verbreitete sich schnell. Und laut Aussage des organisatorischen Leiters der Linsingen-Kaserne, Wilfried Binder, hat sie dazu geführt, dass Menschen erneut geflüchtet sind, diesmal aus der Kaserne. „Die Angst vor Abschiebung muss so groß sein“, sagt Binder als Erklärung dafür, dass „40 bis 50“ Flüchtlinge kurzerhand ihre Notunterkunft Linsingen-Kaserne verlassen haben oder wollten. Nachrichten wie die Pläne der Bundesregierung sprächen sich unter den Flüchtlingen schnell herum. Zu diesem Zeitpunkt seien etliche noch nicht registriert gewesen und verlören somit jeden Anspruch auf Hilfe vom Staat, wenn sie sich alleine auf dem Weg machten und irgendwo untertauchten – mit dem Status illegal.

veröffentlicht am 13.11.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Die meisten der vom Kasernengelände geflüchteten Afghanen seien weg. „Einen Jungen konnten wir gerade noch davon abhalten“, erzählt Binder. Dabei geholfen habe der jüngst gegründete Ältestenrat, bestehend aus drei Vertretern der größten Bevölkerungsgruppen der Flüchtlinge und DRK-Mitarbeitern. Nur über diese Gruppe hätten Binder und seine Kollegen von der Angst der Afghanen erfahren. Dass die Regierungspläne zu diesem Zeitpunkt nicht bedeuten, dass jeder Afghane sofort abgeschoben wird, kam nicht an.

Auch andere Nachrichten sorgten fast postwendend für Unruhe unter den Flüchtlingen in der Kaserne. Als de Maizières Aussage die Runde machte, Syrer sollten lediglich einen sogenannten subsidiären Schutz erhalten und Familien dürften nicht nachziehen, machten sich viele Flüchtlinge Sorgen. „Die müssen sich mal überlegen, welche Wirkung diese Aussagen bei den Menschen haben“, kritisierte eine Sozialarbeiterin.

Nach den Syrern sind die Afghanen die zweitgrößte Gruppe unter den Asylbewerbern. 67 000 kamen in diesem Jahr nach Deutschland, laut Innenministerium 31 000 im Oktober. Afghanistan als sicheres Herkunftsland zu erklären, ist umstritten: Die Sicherheitslage ist so schlecht, dass US-Diplomaten sogar in Kabul nicht einmal mehr die rund dreieinhalb Kilometer lange Fahrstrecke zum Flughafen riskieren: Sie nehmen Hubschrauber. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen forderte, ein Ende des deutschen Afghanistan-Engagements noch einmal zu überdenken.

Vom afghanischen Minister für Flüchtlingsangelegenheiten, Sajed Hussain Alimi Balchi, kam die ausdrückliche Bitte, „keine afghanischen Asylbewerber abzuschieben. Gleichzeitig habe ich die deutschen Behörden dringend darum gebeten, mehr afghanische Flüchtlinge aufzunehmen“.

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