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Die zwei Seiten des Zustroms – wirtschaftlich betrachtet

100 Tage Flüchtlinge: Was das kostet! Was das einbringt!

Hameln. Die Aufnahme der Flüchtlinge kostet den Staat Milliarden von Euro. Von zehn Milliarden jährlich war bislang die Rede, auf der Basis von 800 000 Flüchtlingen. Inzwischen sind über eine Million Flüchtlinge in Deutschland, die genannten Kosten werden angezweifelt. Wir zahlen für Wohnraum, medizinische Versorgung und Integration in die Gesellschaft. Unbestritten ist aber auch, dass diese Menschen nicht nur eine wirtschaftliche Belastung sind, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Die Dewezet hat recherchiert, wo in Hameln durch die Aufnahmeeinrichtung Linsingen-Kaserne Kosten entstehen und wo die Region profitiert. Vor 100 Tagen wurden dort die ersten Flüchtlinge untergebracht.

veröffentlicht am 14.12.2015 um 16:57 Uhr
aktualisiert am 16.12.2015 um 09:58 Uhr

Dana

Autor:

Dorothee Balzereit und Birte Hansen

Wer beliefert die Kaserne mit welchen Lebensmitteln?

Backwaren: Täglich 2000 Brötchen und 250 Baguettes liefert Fikret Duygu. Für die Bäckerei an der Deisterstraße sind die Flüchtlinge nach eigener Aussage „ein Segen“. Duygu hatte das beste Angebot und war am flexibelsten, als ein Lieferant gesucht wurde, außerdem schmeckt Duygus Brot für viele ein bisschen wie Heimat. Frisches Fleisch und Gemüse: Fleisch, das „halal“, also nach Regeln des Islam geschlachtet wurde, liefert der Idil Market an der Deisterstraße, und zwar rund 200 Kilo pro Tag. Dass auch der Markt dvon profitiert, kann man schon am Eingang erkennen: Täglich stauen sich dort die vielen Waren, die später zur Kaserne geliefert werden. Haltbare Waren: Werden bei der Metro in Hameln gekauft.

Wie hoch ist das Haushaltsgeld in der Kaserne?

Pro Monat werden ungefähr 250 000 Euro für die Versorgung ausgegeben.

Wie viele Unternehmen sind rund um die Linsingen-Kaserne beschäftigt?

Nach Auskunft des Einrichtungsleiters Wilfried Binder sind seit Unterbringung der Flüchtlinge, abgesehen vom DRK selbst, 17 Firmen mit im Boot. In diesen Bereichen sind sie beschäftigt: Heizung, Sanitär, Elektrik, Brandschutz, Dachdecker, Rohrreinigung, Elektrik, Fluchttüren, Klimaanlage, Fliesen, Schlosser, Fernwärme, Heizungselektronik, Elektrik, Küchengeräte, eine Firma liefert Hygieneartikel, eine weitere hat Regale geliefert. Die Firma Elektroma hat beispielsweise zwei Mitarbeiter, die ständig vor Ort sind, um Arbeiten auszuführen. Außerhalb der Kaserne, zum Beispiel auf die Kreisabfallwirtschaft, Öffis und Ärzte hat die große Anzahl an Flüchtlingen ebenfalls einen Einfluss.

Wie viele Stellen konnten DRK und Landkreis bis dato schaffen, die im Zusammenhang mit dem Flüchtlingszustrom stehen?

Landkreis, DRK und Sicherheitsdienst haben rund 200 Stellen geschaffen und besetzt. Das DRK halte 124 Stellen vor, der Landkreis etwa 10 für die Erstregistrierung, 5 für Flüchtlingssozialarbeit, dazu kommen Leitungsstellen. Der Sicherheitsdienst stellt 14 Mitarbeiter an 365 Tagen rund um die Uhr bereit. Das seien etwa 60 Stellen zuzüglich Verwaltung, Abrechnung, Leitung. Hinzu komme der Reinigungsdienst mit 10 Stunden pro Tag.

Was sagt die Agentur für Arbeit dazu?

63 Menschen wurden vom Arbeitgeber-Service der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter Hameln-Pyrmont in Zusammenhang mit der Linsingen-Kaserne in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen vermittelt. Davon waren 25 Männer und Frauen bei der Agentur arbeitssuchend, die anderen beim Jobcenter arbeitslos gemeldet. Ein weiterer positiver Aspekt: Es konnten auch Langzeitarbeitslose, Menschen mit Behinderungen sowie ältere Arbeitnehmer vermittelt werden, insbesondere für den Küchenbereich.

Wo sehen die Wirtschaftsunternehmen Chancen und Probleme?

Die Mehrheit würde Asylbewerbern Arbeitsplätze zur Verfügung stellen, hieß es bei der letzten Sitzung der Industrie-und Handelskammer Hannover, Geschäftsstelle Hameln, an der 45 Wirtschaftsunternehmen aus der Region teilgenommen haben. Kritisch eingeschätzt wurden der höhere Aufwand für die Integration und sprachliche Barrieren. Angestoßen wurde eine Diskussion um die Aussetzung des Mindestlohns, wenn die Anwärter nicht die geforderten Qualifikationen nachweisen können. Im Angebot haben die Unternehmen derzeit allerdings hauptsächlich Hilfstätigkeiten. Übrigens: Auch das ifo-Institut hat dafür plädiert, den Mindestlohn abzusenken, mit der Begründung, Flüchtlinge könnten dann in deutschen Betrieben profitabel beschäftigt werden.

Was wird gesucht und wer nimmt die Anerkennungsberatung der IHK in Anspruch? Besonders gesucht wird derzeit Personal für den Sicherheitsdienst. Zur Beratung der IHK kommen zu 75 Prozent Ärzte, Rechtsanwälte und Lehrer.

Wo hapert es aus Sicht der Unternehmer noch?

Bemängelt wird zu viel Bürokratie: Der Informationsfluss mit Behörden sei noch nicht so, wie man es sich wünscht, die Strukturen noch nicht so ausgereift wie notwendig.

Wer kommt für die Unterbringung der Flüchtlinge in der Kaserne auf?

„Vereinbart ist, dass das Land die Kosten für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Familienerstaufnahmeeinrichtung in voller Höhe erstattet“, heißt es vom Landkreis. Derzeit liegt der Satz bei 45 Euro pro Flüchtling und Tag. Die Abrechnung erfolgt monatlich, das Land zahle dem Landkreis Abschläge. Landrat Tjark Bartels rechnet damit, dass die jährlichen Kosten für den gesamten Betrieb der Aufnahmeeinrichtung bei etwa 15 Millionen Euro liegen. „Alles Geld, das in der Region bleibt“, sagt er über die Ströme dieser Steuermittel. Der Großteil der Summe fließt an das DRK – laut Bartels „etwa Dreiviertel“. Er spricht von einer „kostendeckenden Angelegenheit“, die inzwischen einem regelmäßigen Controlling unterliege. Andere Firmen aber, die Aufträge rund um die Kaserne erhielten, „hätten natürlich ihre Margen“.

Wie viel Geld erhält der Landkreis für die dezentral untergebrachten Flüchtlinge?

Für die Aufnahme und Unterbringung in den Städten und Gemeinden nach Quote erhält der Landkreis ab dem kommenden Jahr 9500 Euro pro Flüchtling und Jahr. Problematisch ist aber, dass das Land die Kostenpauschale mit zwei Jahren Verzögerung zahlt.

Gibt es weitere Beispiele von Bereichen, in denen sich die Flüchtlinge wirtschaftlich positiv auswirken?
A) Akademie Überlingen: Das in der Erwachsenenbildung tätige Unternehmen mit Niederlassung in Hameln profitiert ebenfalls: Sechs neue Mitarbeiter wurden eingestellt, dazu kommen drei Honorarkräfte. Für den Unterricht hat man neue Räume angemietet, außerdem sollen neue berufliche Qualifizierungsmöglichkeiten im Bereich Gastronomie und Gartenbau angeboten werden – Bereiche, in denen Fachkräftemangel herrscht.
B) Haus und Grund als Vertreter der Vermieter: Laut Klaus Dieter Neumann, Geschäftsführer des Vereins Haus und Grund, herrscht „auf den Dörfern und in Hameln eine gewisse Leerstandsquote“, die gut für Flüchtlinge genutzt werden könne. Vorteilhaft für die Vermieter sei es, dass der Landkreis als langfristiger Mieter auftritt. Landrat Bartels spricht von Fünf- bis Zehn-Jahres-Verträgen, man orientiere sich an der ortsüblichen Miete. Einige Interessensbekundungen von Vermietern habe Neumann bislang gehabt. Er stelle aber fest, dass die „nette Familie aus Syrien mit drei Personen gerne genommen würde, das halbe Dutzend junger Männer in einer WG aber weniger gern“.
C) Nahverkehr Hameln-Pyrmont: Für die „Öffis“ sind die Flüchtlinge wirtschaftlich betrachtet ein Segen. Im Auftrag des Landkreises übernehmen die Öffis die Fahrten von der Kaserne in die Kommunen, wenn die Flüchtlinge die Aufnahmeeinrichtung verlassen und Wohnungen beziehen können. Rund 400 werden es in der nächsten Zeit sein. Pro Fahrt fallen etwa 90 Euro an, mal mehr mal weniger, je nach Entfernung. Hinzu kommen die Verkäufe von Fahrkarten an Bildungsträger, die für ihre Schüler zurzeit den Transport zu und von den Deutschkursen sichern. Da ist dann laut Öffi-Geschäftsführer Thorsten Rühle auch mal ein Kontingent von 3000 Karten bei. Und langfristig seien die Flüchtlinge, von denen viele auf den Nahverkehr angewiesen sein werden, „unsere Zielgruppe“. Zwar könnten sie den Wegfall von 180 000 Fahrten im vergangenen Jahr nicht kompensieren, aber immerhin die Entwicklung abmildern.

 

Info: 78 Jahre Geschichte

Gebaut wurde die Kaserne 1937. Benannt ist die Kaserne nach Alexander Adolf August Karl von Linsingen, einem preußischen Generaloberst im Ersten Weltkrieg. Im Januar 1938 zieht das II. Bataillon/Infanterie-Regiment 74 ein. 1941 wird durch Umorganisation aus dem Infanterie-Regiment 74 das Panzer-Grenadier-Regiment 74, das Teil der 19.Panzer-Division ist. Am 20. Juli 1945 trifft das 5. Bataillon „Queens Own Cameron Highlanders“ in Hameln ein und bildet die erste Britische Garnison der Stadt. Am 7. April 1971 wird das „28. Amphibien Engineer Regiment“ in Hameln gegründet und in der Scharnhorst-Kaserne stationiert. Ab April 2000 zieht es in die Linsingen-Kaserne, die dann Gordon Barracks genannt wird. Bis 1999 ist in der Linsingen-Kaserne das „35. Engineer-Regiment“ stationiert. Am 4. November 2014 verlassen die letzten britischen Soldaten das Kasernengelände und übergeben den Schlüssel. Das Gelände gehört der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

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