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Sergeant Kevin Douglas und Familie verlassen Hameln / Abschiedskonzert auf der Task

Zurück nach Schottland

Hameln. Vier Häuser weiter stapeln sich Sofas, Schränke, Stühle neben dem Fußweg – was nicht zwingend gebraucht wird, zieht nicht mit um. Die Aufbruchstimmung ist in dieser Straße spürbar, die gelben Doppelhaushälften an der Parallelstraße, in denen Offiziere mit ihren Familien gelebt haben, stehen leer, von regem Betrieb auf dem gegenüberliegenden Kasernengelände kann keine Rede mehr sein. „Es ist deprimierend zu sehen, dass hier so langsam alles leer wird“, sagt Ines Hemmann-Douglas (42).

veröffentlicht am 28.04.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.05.2014 um 12:21 Uhr

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Sie und ihre Familie haben den großen Aus-, Um- und Einzug in ein neues Leben noch vor sich. Zusammen mit ihrem Mann Kevin (34) Douglas und den beiden Kindern James (7) und Charlotte (4) lässt die Deutsche Hameln nach sieben Jahren hinter sich und geht nach Schottland. Dass das Kevins Heimat ist, ist für ihn ein Glücksfall. „Kinloss ist nur 40 Minuten von meiner Heimatstadt entfernt“, erzählt der Soldat, der seit vergangenem Jahr den Dienstgrad Sergeant trägt. Unbekannt ist ihm und der Familie die Gegend nicht, alle waren schon gemeinsam dort, und dank Google Earth können sie sich, wann immer sie wollen, per Computer und auf dem großen Fernseher in ihre neue Straße zoomen. Sie wissen, dass es das Haus „mit der blauen Kühlbox“ hinter dem Fenster sein wird, sie können die neue Schule angucken oder den Golfplatz (Papa und Sohn spielen) inspizieren, der unweit der Nordseeküste liegt. Die Gegend könnte schlechter sein. Die Stimmung auch.

In Deutschland zu bleiben, war für Ines keine Option. „Natürlich gehe ich mit!“ Einen Mann, bei dem es Liebe auf den ersten Blick war, lässt man nicht einfach ziehen. Als es zwischen ihnen funkte, trug er übrigens einen Kilt, und Kevin heiratete auch im Kilt. Und „no“, was er drunter trug, verrät er nicht. Diesen Mann also ziehen lassen? Nein. Außer es geht nicht anders. Gerade mal einen Monat nach der Hochzeit im August 2004 zum Beispiel: Kevin wurde für zwei Jahre nach England versetzt, Ines hatte einen festen Job in der Wedemark, die Kinder waren Zukunftsmusik. Nur alle sechs bis acht Wochen konnte sie ihren Mann sehen. Auch vom neuen Standort aus wird Kevin ins Ausland müssen. „Mal sehen, was noch in Syrien und in der Ukraine passiert“, sagt er über mögliche Einsätze. Hinter ihm liegen Wochen, Monate im Kosovo, Iran, in Afghanistan, wo er im vergangenen Sommer über acht Wochen war. „Konvoi fahren ist das Gefährlichste.“ Kevin hat miterlebt, wie wenige Meter hinter ihm eine Mine hochging, über die sein Wagen noch kurz zuvor rübergerollt war. Ein tonnenschwerer Panzer hat sie ausgelöst. Passiert ist niemandem etwas. Der Tod ist bei diesen Einsätzen dennoch präsent. Ein Sergeant aus Kevins Kompanie kam ums Leben, und Nick Beighton, der beide Beine verlor, ist ein guter Bekannter.

„Ist ja nun mal sein Job“, sagt Ines über die Pflichten ihres Mannes, die Risiken, die dieser Job mit sich bringt. Fürs Hadern aber ist kein Platz. Auch für die Kinder scheint der Umzug in Ordnung zu sein. Charlotte besucht den deutschen Kindergarten und James die deutsche Grundschule, aber Bücher auf Englisch sind fester Bestandteil im Hause Douglas, Disney wird im Fernsehen auf Englisch geguckt, ebenso der Golf-Klamauk „Happy Gilmore“. Von den englischsprachigen Lernbüchern der Kinder profitiert auch Ines, die über ihre Englisch-Kenntnisse sagt: „Ich komm klar.“

Dass Kevin fließend deutsch spricht, ist der Schwiegermutter geschuldet. Sie „kann gar kein Englisch“, erzählt Kevin, „Konversation ist nur möglich“, wenn er deutsch spricht. „Früher dachte ich, das werde ich nie brauchen!“ Doch dann, in Deutschland: „Wenn man in einer Kneipe sitzt, alle sprechen deutsch, ich verstehe nichts – das fand ich doof.“ Gebüffelt hat er, drei Kurse in einem Jahr absolviert, neben seinem Job als Fahrprüfer der Pioniere.

Jetzt steht der Abschied bevor. Zusammen mit 54 anderen Familien aus Hameln, deren Männer und/oder Frauen Mitglied der 65. Kompanie des 28. Pionierregiments sind. Die Kompanie wird komplett nach Kinloss versetzt, wo bis zum Sommer 2012 die Royal Air Force einen Hauptstützpunkt hatte. Auch wenn Ines noch nicht weiß, was sie auf der Insel tun wird, zumindest wird sie dann in ein paar bekannte Gesichter blicken können. Unterstützung, wie Angehörige der britischen Streitkräfte sie in Deutschland erfahren, wird es in Schottland nicht geben, dort sind sie auf sich allein gestellt.

Bevor sie am 31. Juli den Schlüssel fürs neue Haus in Empfang nehmen, wird Kevin hier noch einmal richtig rocken. Seit Jahren ist er Mitglied der Band „Lickowts“, spielt Rajon, Schlagzeug, Gitarre und Bass und wird am 17. Mai (sein Geburtstag) mit der Band auf der „Task“ ein Abschiedskonzert zugunsten des Hafenvereins geben. Was ihnen hier gefallen hat? „Man hat alles, was man braucht“, sind sich Kevin und Ines einig. Und – Kevin sagt das lachend und so, als wäre die Antwort erwünscht: „Deutsches Bier ist gut.“

Der Abschied der britischen Streitkräfte aus Hameln schreitet voran. Wie geht es den Familien, wer geht, wer bleibt? Und: Was bleibt von den Briten, wenn der Stützpunkt geschlossen wird, was lebt von ihrer Kultur in der Stadt weiter? In der Serie „Goodbye“ beschäftigen wir uns in loser Reihenfolge mit dem Abzug der Briten.

Müssen sich bald von ihren Freunden in Hameln verabschieden: Ines Hemmann-Douglas, Kevin Douglas und ihre Kinder James und Charlotte.bha

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