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Ein Jahr Britenabzug – was aus den großen Befürchtungen von damals geworden ist

Wie „schmerzhaft“ war der Einschnitt?

Hameln. „Ein schmerzhafter historischer“ Einschnitt, so kommentierte Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann vor gut einem Jahr den Abzug der Briten aus Hameln. Und was wurde nicht alles geredet und befürchtet: Die Sorgen waren groß, angesichts der Veränderungen in der Stadt. Überall Leerstände in der Stadt, ein einbrechender Handel, eine sterbende Gastronomie – solche gedanklichen Schreckgespenste geisterten durch die Stadt. Wer heute als Tourist durch die Innenstadt läuft, wird vermutlich nicht einmal bemerken, dass hier einmal Standort britischer Soldaten war. Wie aber sieht es hinter den Kulissen aus? Wie sehr hat Hameln der Abzug wirklich getroffen? Wer leidet, wer kann sich halten? Und: Sind die großen Befürchtungen von vor einem Jahr eingetroffen?

veröffentlicht am 03.06.2015 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 27.10.2015 um 16:38 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann, doro Balzereit und frank henke

Wohnungsmarkt „Die Preise brechen ein“

Was, wenn die vielen Briten-Wohnungen auf den Markt kommen? Werden die Hamelner Mietpreise stark sinken? So war die Befürchtung. Christoph Ziercke von der Wertmanagement GmbH in Hameln relativiert: „Der Effekt ist nicht so stark wie befürchtet.“ Auch wenn nun in der Tat noch viele Wohnungen leer stehen, sei die „Delle“ nicht so stark wie erwartet ausgefallen, so seine Einschätzung. Die von der BImA bisher zum Kauf angebotenen Wohnungen seien allerdings im Preis „ein wenig zu hoch“, wie Ziercke sagt. Die in den Internetportalen angegebenen Preise würden offenbar bereits einen „Verhandlungspuffer“ beinhalten und seien daher nicht immer vom Verkehrswert gedeckt.

Handel

„Die Wirtschaft in Hameln leidet“

Für Jahre war es selbstverständlich, dass die Briten in Hameln einkauften. Nun sind viele weg – und mit ihnen auch Ken’s Little English Shop an der Basbergstraße. Der Bedarf sei aber nach wie vor da, beobachtet Thomas Häckel vom British German Club Hameln. Er schätzt die verbliebenen Briten und Angehörigen auf „600 plus x“. Teilweise würden deren Sonderwünsche durch den Einzelhandel aufgefangen, die Versorgung könnte aber „noch besser“ sein. Viele seien darauf angewiesen, dass Bekannte etwas von der „Insel“ mitbringen. Im Hameln-Pyrmonter Einzelhandel hinterlässt der Abzug der Briten jedoch keine messbare Delle. „Gott sei Dank“, sagt Holger Wellner, Vorsitzender EHV Hameln Bad Pyrmont, denn Gedanken gemacht habe man sich vorher schon. Warum das so ist, kann Wellner nicht genau sagen, er vermutet allerdings, dass schon, als die Briten noch da waren, viel im Internet bestellt wurde. Der tägliche Bedarf sei wohl hauptsächlich in den armeeeigenen Shops gedeckt worden, schätzt er. „Für uns ist das Thema kaum relevant,“ sagt Wellner, betont aber gleichzeitig, dass der Abzug grundsätzlich keine schöne Entwicklung, „denn wir leben von den Menschen, die hier im Weserbergland wohnen und arbeiten“.

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  • Bailey-Park. Foto: Dana
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  • Wouldham-Areal bei Ohr an der Weser, Foto: Dana
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  • Upnor-Gelände an der Weser. Foto: Dana
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  • Hat wieder Geöffnet: Schultheiss. Foto: Dana
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  • Ravelin Camp. Foto: Dana
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Stadtentwicklung

„Die Stadt ist voller Brachflächen“

Shon seit über einem Jahr planen Stadt, Landkreis und BImA an den frei gewordenen Militärflächen herum – doch es geht nur langsam voran. Laut Christoph Ziercke, der Grundstücke bewertet, etwas zu langsam. Er warnt: „Wenn die Immobilien zu lange leer stehen, steigen hinterher die Investitionssummen.“ Die Kommunikation zwischen Stadt und BImA könnte besser sein, meint er. Denn die Hamelner Flächen liegen – anders als in anderen Städten, die vom Abzug betroffen sind – nicht irgendwo außerhalb, sondern relativ zentral. Genau das sieht Stadtbaurat Hermann Aden als Hamelner Plus. So ließen sich dann schließlich auch leichter Interessenten für die Flächen finden. Die sei bisher „in unterschiedlicher Ausprägung“ gelungen. Viel Handfestes allerdings ist dabei noch nicht herausgekommen. Immerhin: Ein Bildungscampus – mit Elisabeth-Selbert-Schule und Technischer Akademie – zeichnet sich auf dem Gelände der Linsingen-Kaserne ab. Das über 12 Hektar große Gelände ist auch für die Akademie Übelringen interessant. Und auch die Niedersächsische Behörde für Straßenverkehr würde gerne auf das Kasernengelände ziehen. Aus einem Solarpark auf dem ehemaligen Übungsplatz Ravelin-Camp wurde bisher nichts. Trotzdem: Auch wenn sich die Wertemittlung für die ehemaligen Britenflächen länger hingezogen habe, als er sich gewünscht hätte, bleibt der Stadtbaurat positiv gestimmt. Er sei „mit dem Konversionsprozess generell durchaus zufrieden – inhaltlich eher als zeitlich“, sagt Aden. Eigentlich sei der Abzug für die Hamelner Stadtentwicklung „eher eine Chance, die wir dabei sind, richtig zu nutzen“. Beim Wouldham Camp an der Weser, wo die Briten ihr traditionelles Guy Fawkes Fest feierten, will die Stadt der Natur den Vorrang geben. Hier soll ein durch ein Projekt gefördertes Schutzgebiet entstehen, auf dem sich eine Auenlandschaft ausbreiten darf. Für Bailey- und Gundolph-Park oder das Upnor-Gelände an der Fischbecker Landstraße gibt es Konzepte oder Ideen – mehr allerdings nicht.

Gastronomie „Die Kneipen machen dicht“

Die Briten sind trinkfest – trinkfester als viele Deutsche. Dem Klischee zufolge wurde befürchtet, dass die typischen Briten-Kneipen in Hameln dichtmachen. Doch bisher war es nur der Pflaumenbaum, der schon Ende April vergangenen Jahres aufgab. Betreiberin Doris Kroll hatte laut eigener Angabe 70 Prozent britische Kunden – das Schicksal war mit der Nachricht vom Abzug schnell besiegelt. Doch andere Kneipen halten sie sich tapfer: Das Papa Hemingway am Münsterkirchhof hat sich „gefangen“, sagt Geschäftsführer Reza Amiri, wenngleich er zugibt, dass „die goldenen Zeiten“ nicht mehr erreicht werden. Die seien vor rund zehn Jahren gewesen. Schon immer habe er aber Mischpublikum gehab – sich auf eine Zielgruppe zu versteifen, sei ohnehin nicht erfolgversprechend, ist er sicher. Und immer noch kommen Briten zu ihm, alte Zivilisten, um ein Cider, ein Newcastle Brown oder ein Guinness zu trinken. Es sei ein Stammpublikum, das zum Teil auch aus Paderborn und Celle anreise, um alte Erinnerungen wachzuhalten. Dennoch: „Die ganze Hamelner Wirtschaft war abhängig von den Briten“, stellt Amiri fest. Entsprechend müsse man die Umsatzeinbußen mit neuen Ideen ausgleichen. Im Schultheiss, das wieder geöffnet ist, hat nun der British German Club Hameln eine Heimat gefunden – hier wird der regelmäßige Stammtisch abgehalten, bei dem sich Briten und anglophile Deutsche treffen. Die Gaststätte war früher eine Stammkneipe der Briten. Als weitere Stammkneipe hat auch die Badewanne weiter geöffnet. Auch hier fehlen die Briten. Sie komme zwar auch so klar, aber die Briten fehlen ihr., sagt Annamaria Engelhard-Gray, die die Kneipe seit 46 Jahren führt. Ein Trost: Vom 17. bis zum 19. Juli gibt es eine große Comeback-Party. Angemeldet hätten sich bereits über 300 Teilnehmer – die Hotels in der Nähe seien bereits ausgebucht, sagt die Wirtin.

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