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Paraden, Fußball und Feuerwerk – das Königliche Britische Pionierregiment 28 ist aufgelöst

„Schmerzhafter, historischer Einschnitt“

Paraden, Fußball und Feuerwerk – das Königliche Britische Pionierregiment 28 ist aufgelöst

Hameln. Treffender hätte es Chief Royal Engineer Mark Mans nicht zusammenfassen können: „We will miss Hameln. And I am sure, Hameln will miss us“ – „Wir werden Hameln vermissen. Und ich bin sicher, Hameln wird uns vermissen.“ Der Repräsentant der Königin, Queen Elizabeth II., war selbst in der Vergangenheit zweimal in der Rattenfängerstadt stationiert und freute sich daher umso mehr, hierher zurückkehren zu können. Gleichwohl war der Anlass ein trauriger – das Ende der britischen Präsenz, der Abzug der Briten, „die als Besatzungsmacht kamen und zu Freunden wurden“, wie es der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil auf der Hochzeitshausterrasse sagte. Hunderte Menschen säumten die Absperrgitter auf dem Pferdemarkt, um der Parade „Freedom of the City“ des 28 Engineer Regiment zuzuschauen. Sie sind „Zeugen eines sehr schmerzhaften, historischen Einschnitts“, so Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann, die einen lilafarbenen Hut trägt.

veröffentlicht am 02.07.2014 um 11:03 Uhr

Ehrenvoller Abschied: Die Parade "Freedom of the City" führt noch einmal durch die Innenstadt. Foto: Archiv

Die Parade ist eine Ehre, die den Briten zum ersten Mal im Juni 1977 gewährt wurde. Eine weitere Ehre wurde den Soldaten des Regiments jetzt zum Ende ihrer Militärpräsenz in Hameln zuteil: Das Engineer Regiment erhielt das Fahnenband der Bundesrepublik Deutschland als Anerkennung für den in Deutschland geleisteten Beitrag zur Erhaltung von Frieden und Freiheit. Es ist „die höchste deutsche Auszeichnung für einen geschlossenen militärischen Verband“, wie Oberst Bernd Otto Iben, Kommandeur des Landeskommandos Niedersachsen bei der Bundeswehr am Samstag erläuterte.

Leider waren die Ansprachen rund um die Hochzeitshausterrasse aus technischen Gründen kaum oder gar nicht zu verstehen, was viele, die sich auf den Weg in die Stadt gemacht hatten oder sogar extra angereist waren, arg enttäuschte. War die Zusammensetzung der Zuschauer selbst doch ein Symbol für das jahrzehntelange Band de Freundschaft: Annemarie Irouschek lebt seit 35 Jahren in einem Hamelner Wohnviertel mit englischen Nachbarn, heute in der Brucknerstraße. Künftig werden die meisten Wohnungen dort leerstehen. „Das ganze Stadtbild wird sich ändern“, ist sich die 67-Jährige sicher. Sie wünscht sich eine Erinnerung an die gemeinsame Zeit, etwas Bleibendes, eine Art Denkmal wie beispielsweise das britische Wachhäuschen, das die Holtenser zum Bücherschrank umfunktioniert haben.

Obwohl sie sich bis dato nicht kannten, kommen die Hamelnerin und ihre Begleitung mit Jenny und Simon Lewis schnell ins Gespräch. Die Engländer aus Shrewsbury (Grafschaft Shropshire) sind schon seit ein paar Tagen in Hameln. Ihre Tochter, die seit drei Jahren hier lebte und arbeitete, gehört zu denen, die verabschiedet werden.

Zum Abschied gibt es zwei Paraden: eine in der Innenstadt für die Öffentlichkeit. Die andere, die offizielle Auflösungsparade, findet für die Angehörigen in der Linsingenkaserne statt. Nach dem Einholen der Regimentsfahne und einem Gebet, das Andy Oliver spricht, marschieren die Soldaten ein letztes Mal an Chief Royal Engineer Mark Mans und den zahlreichen Ehrengästen vorbei.

Während die offiziellen Feierlichkeiten laufen, fließt das Bier in der „Badewanne“ in Strömen: 500 Veteranen sind nach Hameln gekommen, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. Manche haben lange Reisen hinter sich – es gibt ehemalige Soldaten, die aus Australien, Südafrika, Kanada und Zypern „in die schönste Stadt der Welt“ zurückgekehrt sind. „Unsere Herzen bluten. Wir können nicht verstehen, warum das 28 Engineer Regiment einfach aufgelöst wird“, sagt Dave Harrisson (57), der heute in Südafrika lebt. Sie sprechen von alten Zeiten und sind traurig, dass es ihre alte Einheit nicht mehr geben wird. „Wir hatten eine großartige Zeit in Hameln“, erzählt Jan Hewett (48) von der Insel Zypern. Zauberhaft sei es in Hameln gewesen. „Die Stadt ist schön, die Menschen sind freundlich. Schade, dass das nun vorbei ist“, meint Konrad Tapp (71) aus Darwen bei Manchester. Nach Hameln wollen die Veteranen jedes Jahr zurückkehren und in der alten Stammkneipe ihre „Reunion“ feiern. „Das ist sicher“, sagt Harrisson.

Bunt geht es nach den Paraden nachmittags auf dem Übungsplatz an der Weser weiter – und „very british“. Über den „Fish und Chips“- Ständen hängt eine Essig-Duftwolke, Menschen stehen geduldig Schlange und statt eines „Prost“ kommt ihnen beim Anstoßen eher ein „Cheers“ über die Lippen. Auf T-Shirts, Postern und Schildern prangt der Schriftzug des 28 Engineer Regiments – nur auf den am Süßwarenstand angebotenen Lebkuchenherzen nicht.

Tausende sind gekommen, amüsieren sich beim Bullenreiten oder schauen der Erde entgegenschwebenden Fallschirmspringern zu. Eigentlich ein Fest zum Amüsieren. Eigentlich, wenn da nicht die Wehmut des endgültigen Abschieds wäre. So richtig zum Feiern ist auch Ilse Taylor, die gerade noch auf der Bühne im Chor mitsang, nicht zumute. „Feiern? Nein, das ist auch ein Abschied“, sagt die Hamelnerin, die seit 1958 mit den Hamelner Briten verbunden ist.

Damals besuchte sie deutsch-britische Gottesdienste, inzwischen ist sie mit einem Briten, ihrem Colin, verheiratet: „Jetzt muss man sehen, was die Zeit bringt.“ Bis weit nach Mitternacht lauschen Besucher der Musik, gucken beim Höhenfeuerwerk zu. Briten und Deutsche drücken den Engländern beim Public-Viewing die Daumen. Betrüblich ist eigentlich nur, dass mit Balotelli ausgerechnet ein Italiener die Feier mit seinem Siegtor zum 2:1 beendet.

Ein Video von der Parade und eine Bildergalerie vom Abschied gibt es unter dewezet.de

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