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Hamelnerin würde gerne wegziehen – ihr britischer Mann lieber bleiben

Ihr Herz schlägt für England

Der Abschied auch der letzten britischen Streitkräfte aus Hameln rückt näher. Wie geht es den Familien? Wer geht, wer bleibt? In der Serie „Goodbye“ beschäftigen wir uns in loser Reihenfolge mit dem Abzug der Briten.

Hameln verlassen und nach England gehen? Keine Frage: Ute Smith (47) würde sofort umziehen. Am liebsten nach Wales, denn da lebt Steven Harrington, Sohn aus erster Ehe mit John, die im Jahr 2000 geschieden wurde. 2009 hat Ute noch einmal geheiratet; Richard Smith, den viele Hamelner als den busfahrenden Weihnachtsmann kennen. Das Kuriose: „Ritchie“, ist wie ihr erster Mann Brite – und möchte der Rattenfängerstadt nicht unbedingt den Rücken kehren.
 Ute hieß noch Lohmann, als sie und ihre Freundin Monika gemeinsam John und Alan kennenlernten, die später ihre Ehemänner werden sollten. Die beiden Frauen sind seit ihrem 13. Lebensjahr unzertrennlich, sie waren zusammen in der Pestalozzischule, und auch viele Umzüge konnten der Freundschaft nichts anhaben. Monika und Alan Read, der sieben Jahre in Hameln stationiert war, sind seit 27 Jahren verheiratet. Für Soldatenfamilien ist der häufige Wohnortwechsel nicht ungewöhnlich. Von Hameln ging es nach Zypern, dann nach England und Düsseldorf. Heute leben die Reads mit ihren Kindern Megan und Joshua in Mönchengladbach. Das Wiedersehen am 14. Juni bei der Parade in Hameln ist fest eingeplant – „auch viele andere Freunde, die in England oder an anderen Orten in Deutschland leben, wollen kommen“, freut sich Ute Smith: „Viele sagen: Hameln war die beste Station überhaupt.“
 Sie und ihre Freundin Moni hatten die britischen Soldaten in Hameln im Big Pis kennengelernt. Vorbehalte bei den Eltern? Fehlanzeige. „Lediglich die kurz geschorenen Haare haben damals vielleicht etwas irritiert“, erinnert sich Ute, deren Großvater in Gandolf Park gearbeitet hat. Der britische Humor, der lockere Lebensstil, „ich komme mit Engländern einfach besser klar“, schwärmt Ute, die sagt: „Ich fühle mich in England einfach wohler.“ Zu ihren ehemaligen Schwiegereltern hat sie heute noch ein gutes Verhältnis, „die sind mehr wie Freunde“. Auch sie hat schon in England gelebt, insgesamt ist sie zwölfmal umgezogen. Ihr Sohn Steven ist in Kiel geboren, in England wurde er eingeschult, danach zog die Familie zurück nach Hameln. 1999 kam er in die deutsche Schule – und wollte Berufssoldat werden. Beim Militär hat er sich als Rettungssanitäter ausbilden lassen, mittlerweile arbeitet er im Krankenhaus als Pfleger. „Spätestens, wenn ich Oma werde, möchte ich zu meinem Sohn“, sagt Ute Smith, der die Entfernung oft schwer fällt.
 Doch ihr jetziger Mann Richard (67), der weiterhin als Busfahrer arbeitet, möchte als Engländer nicht nach Wales ziehen… Lieber wäre ihm da schon Cornwall. Im Zeitalter von E-Mail, facebook und whats app können Kilometer Familienbande und auch Freundschaften kaum kappen, zählen nicht Quantität sondern Qualität. „Auch wenn wir nicht jeden Tag telefonieren“ – über ihre beste Freundin Moni sagt sie: „Man weiß, der andere ist immer da.“
 Es ist bald 20 Jahre her, dass Richard, der charmante Londoner, zum ersten Mal seine Busfahreruniform gegen den roten Mantel tauschte. „Irgendetwas im Hamelner Linienverkehr fehlt“, dachte sich der langjährige Öffi-Mitarbeiter, der bis dahin vor allem Reisebusse gefahren war, damals. Auch bei der britischen Armee, der er exakt 27 Jahre und 65 Tage diente („das steht genau so in meiner Urkunde“), hatte er sich immer wieder als Weihnachtsmann verkleidet, um Kindern eine Freude zu bereiten. Foto aus dem privaten Familienalbum der Smiths – auch das vom busfahrenden Weihnachtsmann – sind übrigens in der Ausstellung im Hamelner Museum zu sehen.
 Zuhause sprechen Ute und Richard nur englisch miteinander, „mit meinem Sohn auch mal Deutsch, damit er es nicht verlernt“, sagt die Hamelnerin mit dem englischen Herzen. „Der hat schon so einen walisischen Akzent.“ Und auch er vermisst in seiner neuen Heimat etwas, was seine Mutter ihm nun paketeweise nachschicken muss: Maggitüten.

veröffentlicht am 02.06.2014 um 14:51 Uhr

Viele Hamelner kennen Richard Smith als busfahrenden Weihnachtsmann (li.). Er kam als britischer Soldat nach Hameln, heiratete 2009 eine Hamelnerin. Ute Smith (rechte Seite), eine geborene Lohmann, ist heut noch eng mit Monika Read und deren Mann Alan bef

Der Abschied auch der letzten britischen Streitkräfte aus Hameln rückt näher. Wie geht es den Familien? Wer geht, wer bleibt? In der Serie „Goodbye“ beschäftigen wir uns in loser Reihenfolge mit dem Abzug der Briten.

Hameln verlassen und nach England gehen? Keine Frage: Ute Smith (47) würde sofort umziehen. Am liebsten nach Wales, denn da lebt Steven Harrington, Sohn aus erster Ehe mit John, die im Jahr 2000 geschieden wurde. 2009 hat Ute noch einmal geheiratet; Richard Smith, den viele Hamelner als den busfahrenden Weihnachtsmann kennen. Das Kuriose: „Ritchie“, ist wie ihr erster Mann Brite – und möchte der Rattenfängerstadt nicht unbedingt den Rücken kehren.

Ute hieß noch Lohmann, als sie und ihre Freundin Monika gemeinsam John und Alan kennenlernten, die später ihre Ehemänner werden sollten. Die beiden Frauen sind seit ihrem 13. Lebensjahr unzertrennlich, sie waren zusammen in der Pestalozzischule, und auch viele Umzüge konnten der Freundschaft nichts anhaben. Monika und Alan Read, der sieben Jahre in Hameln stationiert war, sind seit 27 Jahren verheiratet. Für Soldatenfamilien ist der häufige Wohnortwechsel nicht ungewöhnlich. Von Hameln ging es nach Zypern, dann nach England und Düsseldorf. Heute leben die Reads mit ihren Kindern Megan und Joshua in Mönchengladbach. Das Wiedersehen am 14. Juni bei der Parade in Hameln ist fest eingeplant – „auch viele andere Freunde, die in England oder an anderen Orten in Deutschland leben, wollen kommen“, freut sich Ute Smith: „Viele sagen: Hameln war die beste Station überhaupt.“

Sie und ihre Freundin Moni hatten die britischen Soldaten in Hameln im Big Pis kennengelernt. Vorbehalte bei den Eltern? Fehlanzeige. „Lediglich die kurz geschorenen Haare haben damals vielleicht etwas irritiert“, erinnert sich Ute, deren Großvater in Gandolf Park gearbeitet hat. Der britische Humor, der lockere Lebensstil, „ich komme mit Engländern einfach besser klar“, schwärmt Ute, die sagt: „Ich fühle mich in England einfach wohler.“ Zu ihren ehemaligen Schwiegereltern hat sie heute noch ein gutes Verhältnis, „die sind mehr wie Freunde“. Auch sie hat schon in England gelebt, insgesamt ist sie zwölfmal umgezogen. Ihr Sohn Steven ist in Kiel geboren, in England wurde er eingeschult, danach zog die Familie zurück nach Hameln. 1999 kam er in die deutsche Schule – und wollte Berufssoldat werden. Beim Militär hat er sich als Rettungssanitäter ausbilden lassen, mittlerweile arbeitet er im Krankenhaus als Pfleger. „Spätestens, wenn ich Oma werde, möchte ich zu meinem Sohn“, sagt Ute Smith, der die Entfernung oft schwer fällt.

Doch ihr jetziger Mann Richard (67), der weiterhin als Busfahrer arbeitet, möchte als Engländer nicht nach Wales ziehen… Lieber wäre ihm da schon Cornwall. Im Zeitalter von E-Mail, facebook und whats app können Kilometer Familienbande und auch Freundschaften kaum kappen, zählen nicht Quantität sondern Qualität. „Auch wenn wir nicht jeden Tag telefonieren“ – über ihre beste Freundin Moni sagt sie: „Man weiß, der andere ist immer da.“

Es ist bald 20 Jahre her, dass Richard, der charmante Londoner, zum ersten Mal seine Busfahreruniform gegen den roten Mantel tauschte. „Irgendetwas im Hamelner Linienverkehr fehlt“, dachte sich der langjährige Öffi-Mitarbeiter, der bis dahin vor allem Reisebusse gefahren war, damals. Auch bei der britischen Armee, der er exakt 27 Jahre und 65 Tage diente („das steht genau so in meiner Urkunde“), hatte er sich immer wieder als Weihnachtsmann verkleidet, um Kindern eine Freude zu bereiten. Foto aus dem privaten Familienalbum der Smiths – auch das vom busfahrenden Weihnachtsmann – sind übrigens in der Ausstellung im Hamelner Museum zu sehen.

Zuhause sprechen Ute und Richard nur englisch miteinander, „mit meinem Sohn auch mal Deutsch, damit er es nicht verlernt“, sagt die Hamelnerin mit dem englischen Herzen. „Der hat schon so einen walisischen Akzent.“ Und auch er vermisst in seiner neuen Heimat etwas, was seine Mutter ihm nun paketeweise nachschicken muss: Maggitüten.

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