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Wirtschaftsförderer Andreas Seidel zieht 100-Tage-Bilanz

„Generelles Interesse am Standort Hameln“

Hameln. Die ersten 100 Tage hat er hinter sich, und sein Optimismus ist ungebrochen: Um die wirtschaftliche Situation der Rattenfängerstadt ist es nicht schlecht bestellt, glaubt Andreas Seidel, Wirtschaftsförderer in Diensten der Stadt Hameln. „Die Rahmenbedingungen sind gut“, sagt der 53-Jährige. So habe etwa die Innenstadt nur rund sechs Prozent Leerstände aufzuweisen, obwohl immer wieder mal über unbesetzte Geschäftsräume geklagt wird. „Eine gefühlte Situation, keine reale“, sagt der Wirtschaftsförderer dazu. Und bei den beiden großen Einkaufszentren Wangelist und Hefehof gehe der Leerstand „tendenziell sogar gegen null“.

veröffentlicht am 04.04.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 29.05.2013 um 13:27 Uhr

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Autor:

Christa Koch und Hans-Joachim Weiß

Sorge bereitet dem städtischen Wirtschaftsförderer hingegen der Bereich Deisterstraße/Bahnhofstraße. Hier liegt der Leerstand nach seinen Worten schon bei über zehn Prozent. „Wir müssen aufpassen, dass dieses Quartier den Anschluss an das übrige Stadtgebiet nicht verliert“, mahnt er.

Seine Aufgaben in der Wirtschaftsförderung teilt Seidel in drei Bereiche: den Britenabzug, also die sogenannte Konversion, das laufende Geschäft und die Zielformulierungen für die Zukunft. Dabei hat die Bestandspflege „absolute Priorität“, versichert er. „Ich will den guten Kontakt zur Wirtschaft halten, aber auch Start-up-Firmen begleiten.“ Gerade im Bereich des Handwerks gebe es – nicht zuletzt aufgrund von Generationswechseln – Neugründungen, was im Übrigen auch für den industriellen Bereich gelte. „Ich verstehe meine Aufgabe so, dass ich bereits in der Vorstufe einer Gründung ausführlich berate und bei der Aufstellung von Business-Plänen helfe.“ Im teilweise unübersichtlichen Förderdschungel kennt er sich aus.

Doch es gibt auch große „Baustellen“ für den Wirtschaftsförderer. Eine davon: das Industriegebiet Süd, vor allem vor dem Hintergrund der Schließung der Kampffmeyer-Mühlen. Eine 1:1-Übernahme durch potenzielle Investoren hält zwar auch Seidel für „eher unwahrscheinlich“, ist aber doch guter Dinge, die Industriebrache vermarkten zu können, ohne dass er sich Einzelheiten über bereits geführte Gespräche entlocken lässt. Helfen sollen unter anderem aber auch die Gewerbemakler in Hameln. „Wir sind übereingekommen, uns künftig quartalsweise zu treffen und auszutauschen“, sagt Seidel, der das unter den Stichworten „Transparenz im Gewerbeflächenmarkt“ und „Teilhabe an den Stadtentwicklungszielen bei den Konversionsflächen“, sprich Britengelände, zusammenfasst. Nach einem ersten Treffen mit besagtem Makler hat er jedenfalls festgestellt: „Es gibt ein generelles Interesse am Standort Hameln.“ Und das gelte auch für die zurzeit noch von den Briten belegten Flächen: Nach Seidels Worten wird im Rathaus derzeit an einem plausiblen Planungskonzept gearbeitet, Hilfe vom Land sei ebenfalls zu erwarten, erste Interessenten hätten schon Interesse angemeldet. Alles andere bleibt vorerst sein Geheimnis.

Weiche Faktoren

sollen den Standort weiter verbessern

Wirtschaftsförderung ganzheitlich betrachtet, das bedeutet in Seidels Augen auch: „Verbesserung der Lebensverhältnisse unter anderem durch weiche Standortfaktoren. Ob Industriebrachen oder Britenabzug – Sorgen macht das dem 53-Jährigen nach eigenen Aussagen jedenfalls nicht, allenfalls sieht er das als eine Herausforderung an. Die Voraussetzungen, dass Hameln als Lebens-, Wohn- und Arbeitsort wahrgenommen werde, seien jedenfalls gut, zumal die Stadt ein „positives Pendlersaldo“ habe – es kommen mehr Menschen zum Arbeiten her als umgekehrt. Ein Pfund, mit dem der Wirtschaftsförderer künftig stärker wuchern möchte: Hameln als Bildungsstadt zu etablieren. Dazu müssen nach seiner Auffassung allerdings nicht nur die vielen unterschiedlichen Bildungsträger an einen Tisch – es müsse auch viel mehr für junge Menschen in Hameln getan werden, ist seine feste Überzeugung.

Was eine mögliche Zusammenlegung der Wirtschaftsförderung von Stadt und Landkreis angeht, ist Seidel skeptisch: „Dahingehende Überlegungen sind legitim, aber gerade die Wirtschaftsförderung ist im Kern weniger gut für eine gemeinsame Serviceeinheit geeignet. Synergieeffekte gibt es praktisch nicht, und eine weitere Instanz, etwa bei Förderanträgen an die n-Bank, ist nicht erforderlich“, sagt er. Im Übrigen seien gerade in diesem Bereich Gespräche von einem besonderen Vertrauensverhältnis geprägt. „Je weniger Gesprächspartner, umso besser.“

Lob aus allen im Rat vertretenen Fraktionen hat der Bad Münderaner, der die Nachfolge des im vergangenen Jahr ganz plötzlich verstorbenen Wirtschaftsförderers Dietmar Wittkop angetreten hat, jetzt im Ausschuss für Finanzen, Personal und Wirtschaft für seine bisherige Arbeit bekommen. Das bereits 1988 formulierte Ziel, durch geeignete Maßnahmen die Wirtschaftsstruktur und die Beschäftigungssituation in Hameln zu verbessern, gelte prinzipiell noch heute, betonte Seidel und erklärte in Richtung Politik, dass es eine Gemeinschaftsaufgabe sei, die Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur zu schaffen. Sein Ziel: Ein Netzwerk professioneller Bildungsanbieter zu schaffen, das maßgeschneiderte Qualifizierungen für die Unternehmen konzipiert und mittels individueller Weiterbildungspläne für die Mitarbeiter umsetzt. Dazu setzt Seidel auch auf eine enge Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter. Agenturleiterin Ursula Rose erklärte: „Geld ist wichtig, aber die richtigen Mitarbeiter zu finden ist fast noch wichtiger.“ Denn Seidel hatte angekündigt, was sich im Hinblick auf die Unternehmensförderung ab 2014 ändern könnte: nämlich mehr Darlehns- und weniger Zuschussförderung.

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