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Taxi-Unternehmen, Einzelhandel, Bäcker – viele Branchen sind vom Abzug der Briten betroffen

„Es trifft uns nicht überraschend“

Der Abschied auch der letzten britischen Streitkräfte aus Hameln rückt immer näher. Wie geht es den Familien? Wer geht, wer bleibt? Und: Was bleibt von den Briten, wenn der Stützpunkt geschlossen wird, was lebt von ihrer Kultur in der Stadt weiter? In der Serie „Goodbye“ beschäftigen wir uns in loser Reihenfolge mit dem Abzug der Briten.

veröffentlicht am 27.05.2014 um 12:00 Uhr

Natalia Wegener mit den leckeren Brownies nach britischem Rezept. Diese Köstlichkeit wird auch nach dem Abzug der Briten noch gebacken und verkauft werden. Foto: Dana

Der Abschied auch der letzten britischen Streitkräfte aus Hameln rückt immer näher. Wie geht es den Familien? Wer geht, wer bleibt? Und: Was bleibt von den Briten, wenn der Stützpunkt geschlossen wird, was lebt von ihrer Kultur in der Stadt weiter? In der Serie „Goodbye“ beschäftigen wir uns in loser Reihenfolge mit dem Abzug der Briten.

Hameln. Die Brownies werden wohl bleiben, weil auch die Deutschen diese kleinen Kalorienbomben lieben. Importiert wurde das Rezept für die „Original British Brownies“ aber eigens aus England (auch) für die Engländer, die zu Wegeners Kunden zählen. Oder sollte man sagen zählten? Seit eineinhalb Jahren mache sich der Kaufkraftverlust in der Bäckerei schon bemerkbar, sagt Inhaber Thomas Wegener, hauptsächlich in der Filiale am Reimerdeskamp.

Dort, in der Nordstadt, lebten viele Angehörige der Britischen Armee, bevor der große Truppenabzug begann. „Alles jüngere Familien mit mehreren Kindern“, erzählt Wegener von gerngesehenen Kunden, die peu à peu weniger wurden. Wegener spricht von zehn Prozent Umsatzeinbußen in dieser Filiale und ist sich sicher: „Es wird Hameln treffen.“ Wie hart, darüber gehen die Meinungen allerdings auseinander – je nach Branche.

Holger Wellner beispielsweise, Sprecher des Einzelhandelsverbandes Hameln-Pyrmont, rechnet damit, dass „die Folgen recht gering sein werden“. Ja, es werde weniger Kaufkraft in der Stadt sein – über die Höhe kann allerorten nur spekuliert werden –, ja, es werde auch Auswirkungen auf den Handel haben. Aber die Briten seien ohnehin weitgehend autark und unabhängig vom innerstädtischen Leben. Einnahmenrückgänge beispielsweise bei „Bekleidung, Schuhen oder Taschen sind deutlich weniger, als es zu vermuten gewesen wäre, gemessen an der Anzahl“ der hier stationierten Briten samt Familien, sagt Wellner gelassen. Das Gute: „Es trifft uns nicht überraschend, das war ja lange bekannt.“ Jetzt könne man sich auf den zweiten Schritt konzentrieren, nämlich zu sehen, wo sich durch den Abzug langfristig Chancen böten. Clevere Lösungen seien gefragt für die frei werdenden Flächen, auch um Hameln als Wirtschaftsstandort zu stärken, die Beschäftigtenzahlen zu halten – oder im besten Fall sogar zu erhöhen.

Weniger positiv gestimmt klingt Karl Wilhelm Steinmann, wenn er als Kreishandwerksmeister über die Auswirkungen auf seinen Berufsstand spricht. „Es wurden immer Jahresverträge ausgeschrieben“, wenn es um Sanierungen, Neubauten, Reparaturen ging, die in Zusammenhang mit den britischen Liegenschaften anfielen. Und die fallen jetzt weg. Zwar besteht Hoffnung, dass bei bevorstehenden notwendigen Umbauten der Gebäude und Hallen das heimische Handwerk ebenfalls zum Zuge kommt, doch noch ist man von Auftragsvergaben weit entfernt.

Über die Höhe der in Hameln getätigten Investitionen der vergangenen Jahre in und an den von den Briten genutzten Immobilien, weiß Peter Bröker bescheid. Er ist Amtsleiter des Staatlichen Baumanagements Weser-Leine, das für die Instandhaltung der Liegenschaften zuständig ist. Innerhalb der vergangenen fünf Jahre, von 2009 bis einschließlich 2013 sind seiner Auskunft nach 13 Millionen Euro in Hameln investiert worden. Jetzt beträgt der Etat: null. Zuletzt wurden im Jahr 2013 auch nur noch eine halbe Million Euro in die Gebäude gesteckt – also weit weniger als in den Vorjahren, als Kanäle und Dächer saniert und Unterkunftsgebäude auf dem Kasernengelände renoviert wurden. Nicht alles, was in diesen Bereichen an Geld ausgegeben wurde, blieb in der Region, aber doch einiges. Nun aber wandert vom Staatlichen Baumanagement kein Euro mehr in die Liegenschaften – außer „wenn Gefahr in Verzug ist“, so Bröker.

Auch Ursula Boegelsack, Betreiberin der Tankstelle an der Hildesheimer Straße, bekommt den schrittweisen Abzug der Armee zu spüren. Viele Jahre haben Hunderte Armee-Angehörige in Afferde gewohnt und lösten die von der Armee ausgestellten Tankbons bei ihr ein. „Das ist schon weniger geworden“, sagt Boegelsack. Lediglich umstellen muss sich Kai-Uwe Hermasch. Der Leiter des E-Centers (ehemals Marktkauf) an der Lemkestraße in der Nordstadt war ebenfalls beliebtes Ziel der Briten, und sie waren gerngesehene Kunden in einer sonst eher einkommensschwachen Ecke der Stadt. Während die Laufkunden mit kleinen Einkäufen rausgingen, schöben die Briten gut gefüllte Wagen raus, erzählt Hermasch offen. „Sie haben nicht so auf den Euro geachtet.“ Er merke, dass die Engländer fehlten, sagt er, doch die daraus entstehenden Umsatzeinbußen würden durch andere Kundenzuwächse kompensiert. Nur das Sortiment werde nach und nach umgestellt. Walker-Kekse oder Pfefferminzsoße fliegen raus. „So weit sind die Deutschen nicht“, sagt Hermasch lachend über kulinarische Vorlieben der Insulaner. Auch er selbst habe den britischen Produkten nie so viel abgewinnen können.

Anders als Hermasch trauern Dirk Tiedke und seine Mitarbeiter „den Briten sehr, sehr stark nach“. Unzählige Fahrten zwischen der Linsingen-Kaserne in die Stadt und zurück hat das Taxi-Unternehmen geleistet, mit feierlustigen Soldaten, die freitags nur noch raus wollten. Und dann irgendwie wieder zurück mussten, „aber keine Lust hatten zu laufen“, erzählt Tiedke. Vor die Kaserne stellen, warten, einsammeln, abliefern, nachts wieder vor der Kneipe warten, einsammeln, abliefern – das Geschäft mit den Briten war ein leichtes. Wenn auch nicht immer ein reibungsloses. Hin und wieder hatten Fahrer ihre liebe Not mit volltrunkenen Mitfahrern, die laut wurden, nicht zahlen wollten – oder nicht mehr aussteigen konnten, weil sie schliefen und nichts und niemand sie wecken konnte, erzählt Tiedke. Vor etwa einem Jahr habe es den schlimmsten Zwischenfall gegeben – da sei ein Fahrer zusammengeschlagen worden. Aber, das will Tiedke betont wissen, „die meisten der Fahrten verliefen völlig normal“. Deutlich spürbar sei der Rückgang der Fahrten seit etwa einem Dreivierteljahr. Auf zehn Prozent schätzt der Unternehmer die Umsatzeinbußen, entstanden durch den Abzug der Briten. Dass er diesen Verlust kompensieren kann, hält Tiedke für nahezu ausgeschlossen. „Das bleibt wahrscheinlich weg.“

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