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Abzug der Streitkräfte wirft in Hameln und Bergen viele Fragen auf – doch Antworten gibt es kaum

Das Dilemma mit den Briten

Für die vom Abzug der britischen Streitkräfte betroffenen Orte in Niedersachsen stehen die größten Herausforderungen noch bevor. Egal, ob nun in Hameln oder in der Lüneburger Heide. Dass die Briten die Rattenfängerstadt verlassen werden, das steht schon seit vielen, vielen Monaten fest. Welche Lücken sie ins Stadtbild reißen werden, das erahnen die Kommunalpolitik, das Rathaus und die Bevölkerung noch nicht wirklich.

veröffentlicht am 31.01.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.01.2014 um 10:08 Uhr

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Für die verschiedensten Flächen werden bereits Nachnutzer gesucht, besser noch: überhaupt zunächst einmal Nachnutzungsideen. Wird aus der bald leer stehenden Kaserne ein Bildungscampus? Oder entstehen dort doch eher Wohnungen? Und was wird aus den vielen Wohnblöcken, in denen bislang vornehmlich britische Soldaten mit ihren Familien lebten? Und die riesigen Freiflächen, die britische Pioniere für ihren nun mal ebenfalls riesengroßen Fuhrpark einst benötigten, was wird aus denen werden? Fragen über Fragen. Und bislang gibt es kaum Antworten.

In der Lüneburger Heide ist es nicht anders: Eine ursprünglich bereits Ende 2013 erwartete Entwicklungsstudie werde nun Ende März veröffentlicht, teilte ein Sprecher des Heidekreises in Bad Fallingbostel mit. Dringend erwartet werde eine Entscheidung des Bundes zum Umgang mit den Militärflächen, ohne die die Kommunen weder planen noch Investoren anwerben können. Konkrete Pläne zur Nutzung der Armeegelände gibt es noch nicht – rund 100 Unternehmen kamen allerdings schon zu einem Ideen-Workshop der Industrie- und Handelskammer. Ein guter Ansatz, finden die Macher in der Heide. In Hameln hat es solch eine Veranstaltung jedoch noch nicht gegeben …

Im vergangenen März hatten die Briten den beschleunigten Abzug aus der Heide bekannt gegeben, vor einem halben Jahr kam das Innenministerium mit Landräten und Kommunen in der Heide erstmals zu einem „Runden Tisch“ zusammen. Die großen Kasernen in Bergen-Hohne und Bad Fallingbostel wollen die Briten bis Ende 2015 räumen. Tausende Soldaten und ihre Angehörigen kehren nach Großbritannien zurück, erste derzeit in Afghanistan eingesetzte Truppen verlassen Bergen bereits im Herbst. Rund 2000 Wohnungen in dem vom demografischen Wandel besonders betroffenen Landstrich werden frei. „Man muss sich auf einen mehrjährigen Konversionsprozess einrichten“, sagt der IHK-Standortexperte Martin Exner in Lüneburg. „Es gibt aus meiner Sicht noch keinen zündenden Funken.“ Zumindest liege inzwischen aber ein exakter Zeitplan der Briten für den Abzug vor. „Wir stecken nach wie vor in einem Dilemma“, meinte Exner. Unklar sei, welche Liegenschaften für eine Nachnutzung zur Verfügung stünden. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben müsse die Voraussetzung für die Vermarktung schaffen und den Kommunen zum Planungsrecht verhelfen.

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  • Die Kaserne in Bergen-Hohne wollen die Briten bis Ende 2015 räumen. dpa

„Die Wohnquartiere im Ort sind die Herausforderung“, sagt Stephan Becker, der Projektmanager der Stadt Bergen, die mit dem Abzug der Briten um den Verlust von einem Drittel der Einwohner bangt. Bei etlichen der Mehrfamilienhäuser aus den siebziger Jahren müsse über einen Abriss nachgedacht werden, zwei achtgeschossige Hochhaustürme stünden bereits leer. Obwohl sich der Abzug bereits abzeichnete, hätten die Briten zwischen 2007 und 2011 noch 265 neue Wohnungen in Doppelhäusern errichten lassen. Nun wollten die Briten versuchen, aus den noch acht bis zehn Jahre laufenden Mietverträgen für die Häuser herauszukommen. Vom Land werden die Kommunen vom Konversionsbeauftragten unterstützt, außerdem sucht ein interministerieller Arbeitskreis „Konversion“ nach Förderungsmöglichkeiten für die betroffenen Kommunen.

Für Stadtentwicklungskonzepte steht auch Geld bereit. „Aufgabe der kommenden Monate wird es zudem sein, die neu eingesetzten Landesbeauftragten und deren Ämter für regionale Landesentwicklung, in deren Zuständigkeitsbereich das Thema Konversion ebenfalls fällt, mit den Herausforderungen der Kommunen vertraut zu machen“, sagte Innenministeriumssprecher Philipp Wedelich.

Unterdessen setzt die Stadt Bergen darauf, dass nicht alle Briten der Lüneburger Heide den Rücken kehren. Unter dem Motto „Bleiben in Bergen“ sind Briten am 4. Februar im Stadthaus zu einem Info-Treff willkommen, bei dem über Arbeitsmarkt, Wohnen und Schulbesuch informiert wird. Becker schätzt, dass vor allem mit Deutschen verheiratete Briten daran interessiert sind. Unter dem Titel „Considering Bergen“ gibt es künftig monatliche Sprechstunden. Dennoch: Die Briten werden durch ihren Abzug große Lücken reißen, die nur schwer zu schließen sein dürften. Jetzt sind überall an den bisherigen Standorten Politiker und Stadtplaner gleichermaßen gefordert, Lösungen zu finden. Die Zeit läuft.

Nicht nur aus Hameln ziehen die Briten ab. Im Herbst verlassen erste britische Soldaten die Lüneburger Heide, Ende kommenden Jahres ist der Abzug abgeschlossen. Noch weiß keiner, wie Militärflächen und Wohnungen künftig genutzt werden. Unter dem Motto „Considering Bergen“ lädt die Stadt die Briten zum Bleiben ein.

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