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Anfang vom Abschied: „Hameln war ein Stück Heimat“

Briten-Parade mit viel Wehmut / Eine Kompanie wird bereits aufgelöst

veröffentlicht am 08.07.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 27.08.2013 um 15:45 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf

Hameln. „Das war die absolut beste Zeit in meiner Laufbahn bei der Army“, stellt Peter Sellers fest. Zusammen mit einigen Kameraden ist der Veteran aus dem englischen Gloucestershire angereist und auf dem Weg zum Hamelner Hochzeitshaus, um der großen Parade seiner Einheit an diesem Standort beizuwohnen.

Vor der Tribüne ziehen bewaffnete Soldaten auf, Kommandos erschallen. Ins Gespräch vertieft warten die Ehrengäste und ranghohe Militärs auf die Parade. Schlag zehn ziehen die Briten dann von der Bäckerstraße kommend auf den Platz, wo sich die Zuschauer an diesem strahlenden Sommermorgen gleich in mehreren Reihen drängen.

Auf einem kleinen, weißen Podest nimmt Major-General Tyrone Urch vom Hauptquartier der britischen Armee in farbenprächtiger Uniform die Parade ab.

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„Das ist noch nicht der endgültige Abschied von Hameln“, erklärt Pressesprecher Mike Whitehurst. „Die politische Vorgabe ist, dass wir alle deutschen Standorte bis 2020 auflösen müssen, und das setzt die Army jetzt um.“ Vor einigen Tagen habe man sich aus Münster verabschiedet, jetzt löse man eine der fünf Kompanien des in Hameln seit 40 Jahren stationierten 28. Pionierregiments auf. „Noch ein Jahr“, so Whitehurst, „und im nächsten Sommer werden wir uns dann wie Freunde von Freunden verabschieden.“

Die Glocke der Marktkirche schlägt Viertel nach zehn. Es ist der Moment, in dem die Regimentsfahne eingezogen und feierlich unter den Klängen der Militärmusiker davongetragen wird. Als Letzter verlässt unter dem Beifall der Menge Regiments-Dudelsackpfeifer David Moir in gemessenen Schritten den Platz vor dem Hochzeitshaus. „Ein bewegender Augenblick“, sagt er hinterher sichtlich gerührt. Und auch die beiden ganz in rote Uniformen gekleideten Veteranen Eric Garner und John Carbis können ihre Rührung nicht verbergen. „Ein wirklich trauriger Augenblick“, stellt Garner fest. Der 94-Jährige lebt wie sein ein Jahrzehnt jüngerer Kamerad im berühmten Royal Hospital Chelsea in London. In Hameln war er zwar nie stationiert, dafür aber „in Österreich, in Klagenfurt“, erzählt er.

„Hameln, das war hier 40 Jahre lang ein Stück Heimat für uns“, so Charles Story, der amtierende Kommandeur des Regiments. „Da wir eine besondere Loyalität zu unseren Squadrons haben, schmerzt so eine Auflösung wie heute doch sehr“, gesteht der Offizier.

Wehmut auch bei den deutschen Gästen. Bürgermeisterin Ursula Wehrmann, die an diesem Morgen Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann vertritt, sieht Hameln nach dem Abzug der Briten vor großen Herausforderungen: „Allein 200 Arbeitsplätze und die damit verbundene Kaufkraft gehen verloren, doch schwerer wiegt der menschliche Aspekt, die vielen Freundschaften, die in den Jahren gewachsen sind.“

Und der Kreisvorsitzende des Reservistenverbandes Hauptfeldwebel d. R. Ernst Nitschke versichert: „Wir werden die britischen Kameraden zwar vermissen, doch die Verbindung halten, denn schließlich sind wir ,brothers in arms‘ “ – übersetzt: Waffenbrüder.

So weht über der farbenprächtigen Parade, die die Briten noch einmal im Rahmen ihres Ehrenbürgerrecht „Freedom of the City“ feiern, ein beträchtlicher Hauch von Abschiedsschmerz. Später präsentieren sie beim „Open Day“, einem Tag der offenen Tür, auf dem Gelände an der Ohrschen Landstraße sich und ihr militärisches Gerät. Viele Hamelner kommen. Allzu viele Gelegenheiten zum Besuch bei den Briten wird es schließlich nicht mehr geben.

„Ja, ein Jahr Hameln noch, dann ist hier endgültig Schluss“, sagt auch Charles Story. Dann werden die Tage seines Regiments infolge von Umstrukturierungen wohl gezählt sein. Der Blick des Offiziers aber verrät, dass er dann vielleicht auch wie Peter Sellers sagen könnte: „Das war die beste Zeit meiner Laufbahn in der Army.“

Eine Bildergalerie zur Britenparade finden Sie auf www.dewezet.de.

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