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Britenabzug sorgt bisher nicht für Krisenstimmung auf dem Hamelner Wohnungsmarkt

Alles halb so wild?

Hameln. Der Abschied der Briten naht unaufhaltsam – und über die Folgen für Hameln wird eifrig diskutiert. Nicht nur, dass die Stadt mit den britischen Mitbürgern Kaufkraft verliert und große Areale wie die Linsingenkaserne leer stehen werden: Ein weiterer Bereich, auf den der endgültige Abzug Auswirkungen haben dürfte, ist der Wohnungsmarkt. Ganze Straßenzüge in Hameln könnten – so scheint es – schon bald leerstehen. „Der Stadt ist diese Problematik bewusst und sie wird sich ihrer annehmen“, sagt der städtische Pressesprecher. Viel kann die Stadt im Falle der Wohnungen allerdings nicht tun, da „wir nicht der Eigentümer sind“, heißt es aus dem Rathaus.

veröffentlicht am 26.05.2014 um 10:58 Uhr

Neubau – trotz Britenabzug und Leerständen (oben): Die Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG) hat in der Wertheimer Straße insgesamt 20 neue, barrierefreie Wohnungen errichtet. Bereits vor Fertigstellung sind alle vermietet. Foto: cbo

Viele der von Briten bewohnten Immobilien gehören privaten Eigentümern oder Wohnungsgesellschaften. 135 Wohneinheiten, überwiegend Reihen- und Doppelhäuser, gehen neben den militärisch genutzten Flächen in den Besitz der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) über.

Rund 340 Wohnungen werden insgesamt derzeit noch von Mitgliedern der britischen Streitkräfte bewohnt, wie es auf der Homepage der Bima heißt. Bei einer Wohnungsanzahl von 31 600 (Hamelner Wohnungsmarktbericht 2013) entspricht das ungefähr einem Anteil von einem Prozent. Die Stadt verzeichnet nach aktuellem Wohnungsmarktbericht einen Leerstand von rund vier Prozent. Der Verfasser der Studie interpretiert diesen Wert als „unauffällig“ und vergleichbar mit Zahlen aus ähnlich strukturierten Kommunen. Schon Ende Mai kommen jedoch weitere Wohnungen hinzu.

Die Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG) und die Wohnungsgenossenschaft Hameln (WGH) sehen in dem Truppenabzug allerdings keine gravierenden Probleme auf Hameln zukommen. Die HWG verzeichnete im vergangenen Jahr in ihren 2100 Wohnungen einen Leerstand von 3,38 Prozent, berichtet Kathrin Zarbock. Bei der Zahl müsse allerdings unterschieden werden zwischen strukturbedingtem und gewolltem Leerstand. Ist er strukturbedingt, liegen zum Beispiel einige Monate zwischen Auszug der alten und Einzug der neuen Mieter. Beim gewollten Leerstand nutzt der Vermieter die Zeit, um zu sanieren oder zu modernisieren. Die HWG habe allein im vergangenen Jahr mehr als sechs Millionen Euro in die Sanierung und Modernisierung ihrer Immobilien investiert, sagt Zarbock. Aussagen darüber, wie viele der HWG-Wohnungen derzeit von Briten bewohnt werden, könne sie allerdings nicht treffen.

Die Wohnungsgenossenschaft Hameln (WGH) vermietet 1277 Wohnungen und auch hier ist der Anteil an britischen Mietern nicht zu beziffern, heißt es. Nach dem Thema Leerstand gefragt, spricht Vorstand Heinz Brockmann von einem „modernisierungsbedingten Leerstand von derzeit 2,5 Prozent“. Ein großer Teil sei bedingt durch den demografischen Wandel. Das seien dann Wohnungen, die nach vielen Jahren frei werden und erst mal saniert werden müssten. „Danach allerdings sind sie in der Regel sofort wieder weg.“  Trotz allem sieht Brockmann, ähnlich wie auch Zarbock von der HWG, in Hameln einen Mietermarkt – was bedeutet: „Viel Auswahl, ein Überhang an Wohnungen“, fasst Zarbock zusammen.

Auch Günter Hellmich von der Sparkasse Weserbergland sieht momentan „keine Wohnungsnot in Hameln“. Natürlich sei der Abzug der Briten auch in seinem Unternehmen ein Thema – doch die Bedeutung halte sich in Grenzen. „Es ist noch nicht das belastende Thema.“ Und das wird es in seinen Augen auch nicht werden, da letztlich nur eine geringe Anzahl an Wohnungen frei werde und diese über das gesamte Stadtgebiet verteilt lägen.

Ungeachtet der bevorstehenden Ereignisse scheint es sogar lukrativ zu sein, weiteren Wohnraum zu schaffen. Die HWG errichtet derzeit einen Komplex in der Wertheimer Straße mit 20 Wohneinheiten. Zu einem „Fast-Fertig-Fest“ lud das Unternehmen kürzlich ein. Eigentlich wurde das Fest geplant, weil die HWG erwartete, bei dieser Gelegenheit noch für die neuen Mietwohnungen werben zu müssen, wie Geschäftsführer Christian Mattern den Gästen erzählte. Die barrierefreien Wohnungen konnten nun im Rahmen des Festes besichtig werden, gemietet aber nicht mehr – alle sind vergeben. Die WGH baut derzeit ebenfalls. „Im Juni sind elf barrierefreie Wohnungen und eine Senioren-WG mit integrierter DRK-Tagespflege fertig“, berichtet Brockmann. Bis auf die Senioren-Wohngemeinschaft seien auch hier alle Wohnungen vermietet.

Es stelle sich aber längst nicht alles positiv da, ergänzt Brockmann. „Es findet gerade so eine Art Landflucht statt. Die Leute ziehen in die Stadt, wo alles fußläufig erreichbar ist.“ Das sei positiv für die wohnungsbauenden Unternehmen, aber eben ein klarer Nachteil für die Dörfer, die so ausbluten. Die Kreissiedlungsgesellschaft (KSG), die nach Auskunft von Joachim Kruppki überwiegend Wohnungen im Kreisgebiet vermietet, habe aber keine Probleme ihre Wohnungen wieder zu vermieten. „Wenn Wohnungen leerstehen, dann ist es größtenteils modernisierungsbedingt. Viele Wohnungen sind aber schon energetisch in einem seht guten Zustand“, fasst Kruppki zusammen.

Beim Thema Britenabzug ist der Vorstand der WGH dennoch vorsichtig. Man wisse ja nicht, wie der private Besitz reagiert, heißt es. Die WGH selbst bekommt Ende des Monats die ersten Wohnungen der Briten zurück. „Der erste Eindruck ist sehr gut“, erwartet Brockmann dort im Grunde keine Probleme.

Worauf es generell auf dem Wohnungsmarkt derzeit ankommt, zeigen nicht nur die Bauvorhaben von HWG und WGH. Barrierefreiheit, ein energetisch guter Zustand, die Nähe zur Innenstadt und somit allen Dingen des täglichen Bedarfs sind die Trumpfkarten. Diese Kriterien werden auch für die frei werdenden Wohnungen britischer Mieter gelten. Mindestens für die Dauer von Modernisierungsarbeiten ist so – bei allem Optimismus in der Branche – ein erhöhter Leerstand denkbar.

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