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Spaziergängerin findet Milan

Tod am Windrad auf dem Dörenberg

LÜGDE. Bei einem Spaziergang auf dem Dörenberg bei Lügde hat eine Pyrmonterin unter einem Windrad einen toten Milan gefunden und fotografiert. Sie vermutet, dass der Greifvogel mit einem der Rotoren kollidiert sein könnte.

veröffentlicht am 25.05.2017 um 12:56 Uhr
aktualisiert am 31.05.2017 um 14:01 Uhr

Diesen toten Milan fotografierte die Pyrmonterin Christine Braime-Mohorn am 10. Mai unter einem der vier Windräder am Dörenberg. Die zweite Hälfte des Vogelpaares sah sie „am Himmel schreiend und kreisend seinen Partner suchen“ (kleines Foto). Ihrer
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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LÜGDE. Windenergieanlagen sollten möglichst nur dort werden, wo sie in der Gegend lebende Tiere möglichst nicht beeinträchtigen. Ab welcher Nähe oder Distanz eine Gefährdung besteht oder ausgeschlossen werden kann, ist – je nach Blickwinkel – allerdings umstritten. Durch Abstandsregelungen zu Horsten oder Futterplätzen insbesondere bedrohter Vogelarten sollen die Konflikte möglichst minimiert werden. Ähnlich den Mindestabständen zu menschlichen Wohngebieten. Ob diese Abstände ausreichen, entscheiden allerdings nicht die Betroffenen, die in wenigen 100 Metern Entfernung leben. Und auch Raubvögel haben während der Jagd offenkundig keinen Blick für Anlagenmasten oder Rotorblätter. Mit tödlichen Folgen. Einen solchen Fall hat die Pyrmonterin Christine Braime-Mohorn unlängst im Foto festgehalten.

Bei einem Spaziergang auf dem Dörenberg habe sie am 8. Mai noch ein Milan-Paar auf zwei Weidepfosten sitzen sehen, so die Naturfreundin weiter. „Das freute mich sehr, weil man diese Vögel sehr selten in so einer schönen Perfektion sieht.“

Weil’s so schön war, steuerte Braime-Mohorn den wenige Kilometer südlich der Lügder Kernstadt gelegenen Standort zwei Tage später erneut an – und machte eine traurige Entdeckung: „Ich fand einen der zwei Greifvögel tot unter einem Windrad liegen und den Partner am Himmel schreiend und kreisend seinen Partner suchen“, berichtet sie.

Wieder zu Hause, ließ ihr das Thema keine Ruhe. Zumal sie im Internet las, dass viele an Windrädern verletzte oder zu Tode gekommene Greifvögel nicht gefunden würden, da andere Raubtiere sie fräßen. Deshalb fuhr sie tags darauf erneut zum Dörenberg. „Ich wollte nachsehen, ob der Vogel dort noch liegt oder ob ihn schon andere Wildtiere geholt hatten.“ Als sie an der Stelle eingetroffen sei, habe der Vogel noch dort gelegen, erzählt sie weiter. Doch dann sei ein Fahrzeug gekommen. Ein Mann sei ausgestiegen und habe den toten Vogel beseitigt. War es ein Monteur des Betreiberunternehmens? Noch gibt es darauf keine Antwort.

Slogans wie „Starkes Duo: Windkraft und Naturschutz“ des deutschen Windenergie-Bundesverbandes dürfte Braime-Mohorn seither keinen Glauben mehr schenken. Auf der Internetseite des Verbandes ist unter anderem zu lesen: „Insgesamt lässt sich resümieren, dass Zusammenstöße mit Windenergieanlagen so selten sind, dass sie sich nicht auf den Bestand einzelner Vogelarten auswirken.“

Beim Naturschutzbund NABU sieht man das, unter Berufung auf diverse seriöse Quellen, anders: Lars Lachmann, Referent für Ornithologie und Vogelschutz in der NABU-Bundesgeschäftsstelle in Berlin, schrieb 2016: „Für ganz Deutschland muss bei einem aktuellen Brutbestand von 12 000 bis 18 000 Paaren entsprechend von über 1000 Todesfällen pro Jahr ausgegangen werden.“ Von der Windenergie-Branche gestreute Studien versuchten, „mit unhaltbaren Aussagen den Eindruck zu erwecken, dass ein Konflikt zwischen Windenergie und dem Schutz von Greifvögeln gar nicht existiert.“ Dass der vor allem in Deutschland heimische, in neun Bundesländern auf der Roten Liste als mindestens „gefährdet“ eingestufte Rotmilan zu jenen Arten gehöre, die am meisten durch Kollisionen mit Windrädern gefährdet seien, sei wissenschaftlich hinlänglich belegt.

Als Braime-Mohorn die Dörenberg-Fotos neulich in einer Lügder Facebook-Gruppe postete, trat der Konflikt zwischen Naturschutz und Windenergie offen zutage: Prangerten einige Nutzer die Zerstörung von Lebensräumen durch die Profitgier der Anlagen-Industrie an, so fielen anderen dazu Sätze ein wie „Lass uns da ein AKW bauen.“

In der umfangreichen Diskussion mischte auch ein Kreis-Politiker aus Lügde mit: Sebastian Köhne, der für die SPD im Ausschuss für Umwelt, Energie und Verbraucherschutz sitzt und seine Meinung progressiv nennt, schrieb mit Blick auf die für sein Empfinden schönen Windräder: „Von mir aus kann man das ganze Land damit zupflastern, wenn wir dafür dann weder Atomkraft noch fossile Energie benötigen. Was sind schon die paar Vögel gegenüber allen Vögeln.“

Nicht auszuschließen allerdings, dass die Bundesländer die Mindestabstände zugunsten von Flora und Fauna künftig ausweiten. Naturschützer jedenfalls halten ein 2016 gefälltes Urteil des bayerischen Verwaltungsgerichtshofes für wegweisend. Die Richter erkannten ein „signifikantes Tötungsrisiko“ für die geschützten Greifvögel durch Windenergieanlagen. Daran ändere auch ein zeitweiliges Abschalten der Anlagen nichts. Das bestätigte einen Landkreis, der einem Windräder-bauwilligen Kläger eine Ausnahme vom naturschutzrechtlichen Tötungsverbot versagt hatte.

Für bestehende Anlagen wie die vier Windräder auf Lügdes Dörenberg hat das Urteil freilich keine Folgen. Für die Genehmigung künftiger Standorte könnte es hingegen durchaus Folgen haben.

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