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Jettz werden die Konzentrationszonen überarbeitet

Stadt muss neue Windkraft-Flächen finden

Lügde. Für die einen sind sie umweltfreundliche Energieerzeuger. Die Nächsten haben bei ihrem Anblick die Rendite im Auge. Wieder andere fürchten die „Verspargelung“ der Landschaft. Direkte Nachbarn beklagen die Schlagschatten der Windräder und die von ihnen ausgehenden Vibrationen.

veröffentlicht am 14.05.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:05 Uhr

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Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Bisher stehen auf dem Gebiet der Osterräderstadt 13 Windräder – verteilt auf knapp 89 Quadratkilometer Fläche. Um den künftig sehr wahrscheinlichen Zubau neuer Anlagen in geordnete Bahnen zu lenken, muss die Stadt ihre noch im letzten Jahrtausend ausgewiesenen „Konzentrationszonen“ für Windenergieanlagen nun erweitern. Das schuldet sie der vom Staat gewollten Energiewende: „Eigentümer haben einen Rechtsanspruch auf Genehmigung zum Bau neuer Anlagen“, erklärt Gregor Günnewich aus dem Lügder Bauamt.

Weil auch einschlägige Gerichtsurteile fordern, dass für die Windenergie mehr Raum geschaffen her soll, muss Lügde den nun auf seinem Gebiet suchen. Denn nur, wenn die Stadt genug ausgewiesene Flächen vorhält, kann sie ausschließen, dass jeder überall seine Windräder in die Gegend baut. Auf die Vorzugsflächen könnte sie dann auch vor Gericht verweisen, falls ein Bauwilliger nicht zum Zuge kommt – und klagt.

Nachdem Gregor Günnewich den Politikern im eigens dafür zusammengekommenen Bauausschuss am Montagabend kurz die Lage erklärt hatte, votierten sie einstimmig dafür, dass die Stadtverwaltung eine entsprechende Änderung ihres Flächennutzungsplanes anschieben soll. Die Notwendigkeit, dieses Verfahren einzuleiten, sieht Günnewich ganz klar: „Wir werden eine komplett neue Planung über das gesamte Stadtgebiet legen müssen.“ Und zwar schon bald. Denn er rechnet damit, dass demnächst zwei an den Kreis Lippe gestellte Bauvoranfragen im Lügder Rathaus eingehen. Der Kreis entscheidet zwar über die Genehmigung, die Stadt darf jedoch dazu Stellung nehmen.

Nach Einschätzung Günnewichs würde etwa die bisherige Konzentrationszone Dörenberg, wo derzeit auf rund 33 Hektar Fläche vier jeweils knapp 140 Meter hohe Windräder stehen, noch weitere „ein, zwei Anlagen“ vertragen. Über eine mögliche Erweiterung der zweiten Zone am Scharpenberg bei Niese gab er keine Prognose ab. Dort stehen auf bisher etwa drei Hektar Fläche fünf Windräder. Gerüchte, wonach Wörderfeld als möglicher Windkraft-Standort ausgeguckt ist, will Günnewich auf PN-Anfrage nicht bestätigen. Denn der von den Planern der Firma Drees & Huesmann erarbeitete Konzentrationszonen-Entwurf soll Lügdes Politikern erst nach der Kommunalwahl vorgestellt werden. „Das sind weitreichende Entscheidungen. Die sollen die neuen Politiker treffen“, sagt der Rathaus-Mitarbeiter. Allerdings: So ganz anders als der aktuelle Bauausschuss, der am Montag letztmals vor dem 25. Mai zusammentraf, dürfte sich das künftige Gremium nicht zusammensetzen. Denn das zur Wahl stehende Personal wechselt nicht wesentlich.

Mit Blick auf den von Staats wegen gewollten Windräder-Zuwachs verwies SPD-Fraktionschef Dieter Diekmeier am Montagabend auch auf den Landesentwicklungsplan (LEP). Dessen noch nicht verabschiedeter Entwurf will den Kommunen sogar eine an der Fläche orientierte Soll-Zahl für die Windenergie-Erzeugung vorgeben. Aber laut Günnewich ist es angesichts des Protests aus dem ganzen Land „sehr, sehr fraglich, ob diese Zielvorstellung umgesetzt werden kann“.

Wie hoch die Anlagen gebaut werden dürfen und wie nahe sie Gebäuden kommen dürfen, können die Lügder nicht vorschreiben. Denn pauschale Höhen- und Abstandsbeschränkungen lässt die NRW-Gesetzgebung nicht zu. „Wir sprechen heute über Nabenhöhen von 140, 150 Meter“, erklärte Günnewich auf Frank Ohms’ Frage nach Grenzen fürs Repowering, den Ersatz einer alten Anlage durch eine neue, höhere und stärkere. Günnewich: „Mit einer neuen Anlage kann ich heute so viel Strom erzeugen wie mit drei alten.“ Die Frage nach dem Abstand zum nächsten Haus sowie der Höhe müsse aber in jedem Genehmigungsverfahren geklärt werden.

Ob neue Anlagen auch in Wälder gebaut werden dürfen, wollte im Ausschuss Werner Rissiek (FDP) wissen – „angenommen, das Pumpspeicherwerk wird nicht gebaut“. Diesen Bezug stellte Gregor Günnewich zwar nicht her. Er deutet die Vorgaben des Gesetzgebers aber so, dass Windräder nur dort in den Wald gebaut werden dürfen oder müssen, wo eine Gemeinde nicht genug freie Flächen bieten kann. „Bei der Größe unseres Stadtgebietes wird das für uns nicht zum Tragen kommen“, schätzt er – zumal der FFH-Schutz aller Wahrscheinlichkeit nach unter die „harten“ Ausschlusskriterien falle. Was Günnewich – wie anderen Zuständigen in anderen Kommunen – dabei zu schaffen macht: Die Gerichte betonen zwar die „Privilegierung“ der Windkraft. Eine verlässliche Definition fehle aber.

Der Ausschussvorsitzende Thomas Blum (CDU) gab sich am Montag skeptisch: „Wer glaubt, es kommt kein Pumpspeicherkraftwerk, wenn wir Windräder haben, der hat zum Schluss beides da“, fürchtete er.

Übrigens: Wer sich bei den Dörenberg-Windrädern einkaufen will, kann das über die „Deutsche Immobilien Leasing GmbH“ tun. Das Tochterunternehmen der Deutschen Bank versucht, Fondanteile an „Wind 7“ zu vermarkten. Der Erfolg scheint sich allerdings in Grenzen zu halten. Denn die Anlagen werfen offenbar nicht die erwartete Rendite ab.

Zur Erinnerung: Im Herbst 2001 hatte der bald darauf in einer Skandalpleite geendete US-Konzern Enron die Räder errichten lassen. Nach mehrfachen Wechseln, Umbenennungen und Umzügen der Betreibergesellschaften nennt der letzte veröffentliche Handelsregistereintrag „DIF Infrastructure II Verwaltungsgesellschaft 2 mbH“ (Frankfurt) als persönliche haftende Gesellschafterin.

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