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Zufallsfunde geben kaum Aufschluss

Schlagopfer-Erfassung fast unmöglich

LÜGDE. Der tote Vogel unterm Windrad am Dörenberg zieht auch die Aufmerksamkeit der professionellen Artenschützer bei der lippischen Kreisverwaltung in Detmold auf sich. Warum die Berichterstattung über den Fund einer Spaziergängerin unter einer der vier Anlagen ein Stück südlich der Lügder Kernstadt sie interessiert:

veröffentlicht am 30.05.2017 um 23:01 Uhr
aktualisiert am 31.05.2017 um 13:59 Uhr

Ein Blick auf die Anlage, unter der am 10. Mai der tote Vogel lag. Wie oft sind hier Servicetechniker vor Ort? Entfernen sie auch tote Tiere? Die Antworten stehen aus. Foto: yt
Juliane Lehmann

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Juliane Lehmann Reporterin zur Autorenseite
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Dass die Pyrmonterin das von ihr entdeckte mutmaßliche Schlagopfer unterm Windrad fotografierte, lobt Jörg Westphal ausdrücklich. „Manche Spaziergänger achten gar nicht auf so etwas. Oder sie werfen so ein Tier dann in die Büsche“, sagt der Fauna-Experte. „Gar nicht in böser Absicht, sondern weil sie es einfach nicht herumliegen lassen möchten.“

Allerdings: Solche Entnahmen erschwerten die ohnehin eingeschränkten Möglichkeiten einer Erfassung von Schlagopfern zusätzlich. Ein systematisches Monitoring sei wegen des enormen Aufwands und vieler Unwägbarkeiten wie etwa dem Verzehr von Kadavern durch andere Tiere ohnehin nicht möglich, räumen Naturschutzverbände ein. Wird ein verletztes oder totes Tier entdeckt, dann in der Regel rein zufällig – so wie am 10. Mai am Dörenberg. Die Todesursache steht damit jedoch auch nicht eindeutig fest.

Was allerdings nicht jeder weiß: „Auch ein toter Vogel darf nicht einfach mitgenommen werden“, betont Jörg Westphal. Das sei ein Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz.

Dessen Paragraf 44 verbietet es, wild lebende Tiere besonders geschützter Arten aus der Natur zu entnehmen. Das gilt folglich auch für tote Tiere. Denn es ist gleichfalls verboten, sie in Besitz zu nehmen. Wer das trotzdem tut, muss mit empfindlichen Geldbußen rechnen. Das jemand dabei erwischt wird, kommt indes äußerst selten vor.

Wer genau den toten Vogel am Vormittag des 11. Mai mitnahm, ist nicht ohne Weiteres in Erfahrung zu bringen. Aus der Monteurskluft des Mannes, nach dessen Anwesenheit an der Anlage der tote Vogel verschwunden war, schließt die Spaziergängerin: „Das war definitiv ein Servicetechniker.“

Könnte der Mann geprüft haben, ob der tote Vogel beringt war und dessen Untersuchung sowie eventuelle Erfassung als Schlagopfer veranlasst haben? Ein Anruf bei der „BayWa r.e. Operation Services Gmbh“, in München, deren Telefonnummer auf einem Aufkleber an der Anlage steht, bringt keinen Aufschluss. Der Mitarbeiter am Telefon kann keine Aussage darüber treffen, ob die Mitnahme toter Vögel zum Aufgabengebiet seiner Kollegen vor Ort gehört. Aber er bietet an, die Frage an die verantwortliche Projektmanagerin weiterzuleiten. Der avisierte Rückruf bleibt jedoch am Dienstag aus.

Um was für einen Vogel es sich bei dem Schlagopfer gehandelt hat, ist ebenfalls noch offen. Die Spaziergängerin ist überzeugt, dass es nur ein Milan gewesen sein kann. Das schließt sie aus ihrer Beobachtung vom 10. Mai, wonach einer von zwei Milanen, die sie zwei Tage zuvor noch zusammen gesehen hatte, laut kreischend am Himmel seine Kreise zog, während der andere auf dem Boden lag.

Artenschützer Westphal ist nach einem Blick auf das Foto des Kadavers aber nicht ganz sicher. „Es könnte auch ein Mäusebussard gewesen sein“, sagt der Landkreis-Mitarbeiter.

Unter Ornitologen ist allerdings bekannt, dass in der Gegend durchaus Rotmilane brüten. Unweit der Windräder soll es außerdem einen Schwarzstorch-Horst geben. Und der nächste Uhu ist offenbar auch nicht weit.

„Das wären eigentlich genug Gründe, die den Kreis Lippe zu einer zeitweiligen Stilllegung der Anlagen auf dem Dörenberg bringen müssten“, sagt ein Freizeit-Ornitologe aus dem Pyrmonter Raum am Dienstagabend, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte.

Der Mann glaubt: „Heute würden die vier Räder an diesem Standort sicher nicht mehr genehmigt.“ Sie wurden vor mittlerweile 15 Jahren am Dörenberg errichtet.

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