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Die Grundbedürfnisse der Haustiere

Wie viel Tierliebe ist zu viel?

Wenn man sieht, wie die kleine Anna ihr Kaninchen drückt und abküsst, ist das einerseits ein sehr süßes Bild. Andererseits: kann sie sich dabei nicht Krankheiten einfangen? Und – will ein Kaninchen überhaupt so viel Zärtlichkeit? Annas Mutter hat der Beziehung zwischen ihrer Tochter und dem Kaninchen immer freien Lauf gelassen. „Irgendwie dachte ich, der Instinkt von den beiden wird schon zusammenpassen und da passiert nichts Falsches“, sagt sie. Gibt es ein Zuviel an Tierliebe? Wir haben nachgefragt.

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

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Alles in allem stimmen ihr Veterinär-Fachleute da zu. Befragt, ob eine Art Zungenkuss, wie ihn manche Menschen mit ihren Hunden austauschen, gefährlich sei, wiegelt Tierarzt Dr. Norbert Bachmann eher ab. „Ich selbst würde meine Hunde nicht auf die Schnauze küssen“, sagt er. „Aber im Grunde kann es jeder halten, wie er will. Man küsst auch Menschen, ohne dabei zu fürchten, dass man sich damit automatisch gefährliche Krankheiten holt.“

Ein gesunder, geimpfter und regelmäßig entwurmter Hund kann mit seinem Speichel kaum schaden, wie überhaupt die meisten Krankheitserreger darin nicht die Artengrenze überspringen, also auch nicht vom Kaninchen auf Anna und umgekehrt. Unangenehm könne es dann werden, wenn das Tier seine Schnauze in Unrat gesteckt hat und gleich danach ein menschliches Gesicht abschleckt oder das Tier doch einen Erreger beherbergt, welcher auf den Menschen übergehen kann. Man spricht dann von sogenannten Zoonosen. Ein Restrisiko bleibt also. Dann kann man sich schon mal eine Durchfall-Erkrankung oder andere Erkrankungen einfangen. Im Übrigen spreche aus rein medizinischen Gründen nichts dagegen, ein gesundes, parasitenfreies Haustier mit ins Bett zu nehmen. „Es muss ja nicht gleich das geliebte Pony sein …“

Was nun den eigentlichen Akt der Zärtlichkeit betrifft, das Schmusen, Kuscheln, Küssen und die Frage, ob der Mensch sich da dem Haustier nicht manchmal all zu sehr aufdrängt, gibt der Tierarzt Folgendes zu bedenken: „Menschen halten Haustiere meisten genau deshalb, weil sie ihnen nah sein wollen. Und die meisten Tiere haben ebenfalls soziale Bedürfnisse“, sagt Bachmann. „ Wenn sich beide, Mensch und Tier, ergänzen, dann wäre das in Ordnung. Das gelte ganz besonders häufig für den Hund, der von sich aus die Beziehung zum Menschen sucht und sie auch genießt. Ebenso müsse respektiert werden, wenn ein Tier eher distanziert sei. Man könne Tiere freilich auf eine Weise vermenschlichen, die ihnen nicht gerecht werde. „Andererseits: Je mehr ein Tier unter Menschen sozialisiert ist, desto mehr Nähe wird es auch suchen und zulassen.“

  • Je mehr ein Tier unter Menschen sozialisiert ist, desto mehr Nähe wird es auch suchen und zulassen. Foto: dpa

So ähnlich sieht es auch Dr. Peter Bolten, der in seiner Funktion als Leiter des Veterinär-Amtes Hameln/Pyrmont unter anderem für staatliche Tierschutz-Angelegenheiten zuständig ist. Auf die Kind-Kaninchen-Freundschaft angesprochen, weist er darauf hin, dass Kaninchen von ihrem Wesen her eher nicht die idealen Schmusetiere sind, so sehr ihr niedliches Äußeres genau das zu versprechen scheint. „Kaninchen sind Fluchttiere und eigentlich immer auf der Hut“, sagt er.

Auch ihre Züchtungsgeschichte prädestiniert sie nicht unbedingt zum Kuscheln. Das Kriterium der Zutraulichkeit spielt bei Kaninchenzüchtern eine weit geringere Rolle als etwas das Schlachtgewicht oder die Rasseschönheit. „Trotzdem kann man die Tiere auf den Menschen prägen“, sagt Bolten. Es sei ein bisschen so wie bei den Hauskatzen. Wachsen sie in einer Menschenfamilie auf, sind sie meist zärtlich gesinnt. Streunen sie aber wild auf einem Bauernhof herum, weichen sie menschlichen Berührungen fast immer aus.

„Zärtlichkeiten, zu denen man die Tiere nicht drängen muss, sind aus meiner Sicht akzeptabel“, so Bolten weiter. Viel schlimmer als einem Kaninchen mal ein bisschen sehr auf die Pelle zu rücken wäre es, das Tier, das ja nun mal nicht unter seinesgleichen lebt, ohne Sozialkontakte allein zu lassen. Auch, wer sich einen Hund anschaffe, müsse Zeit für ihn haben. „Hunde, die viele Stunden lang allein zu Hause bleiben müssen, leiden oft stark darunter. Das fällt dann fast schon in den Bereich des Tierschutzes.“ Er rät allen, die sich ein Haustier anschaffen, es beim Tierarzt vorzustellen, nicht nur für das Impfen und Entwurmen, sondern auch, wenn man sich unsicher ist, wie man sich dem Tier gegenüber verhalten soll.

Nun sind Haustiere nicht immer ganz gesund. Veterinär Norbert Bachmann fallen sofort allerlei Krankheiten ein, die Tiere auf den Menschen übertragen könnten (und auch umgekehrt). „Als Tierarzt hat man ausgesprochen viel mit der Parasitologie zu tun“. Hunde und Katzen können Krankheitserreger und Parasiten übertragen. Kaninchen leiden manchmal unter Pilzerkrankungen, die dann auch beim schmusenden Kind Hauterkrankungen hervorrufen könnten.

Und dann wäre da noch die Toxoplasmose, hervorgerufen durch Erreger, die bevorzugt Katzen befallen. Eigentlich für den Menschen relativ harmlos, steckt sich aber eine schwangere Frau, welche noch keinen Kontakt mit Toxoplasmen hatte, damit an, kann ihr Ungeborenes schweren Schaden nehmen. All diese Fälle kommen aber eher selten vor. „Wenn man die Übertragungswege kennt, kann man eine Ansteckung meistens vermeiden“, so Bachmann. Trotzdem: „Wer schwanger ist, sollte im Umgang mit Katzen aber sehr vorsichtig sein und eine entsprechende Vorsorge-Blutuntersuchung beim Hausarzt machen lassen. Je nach Ergebnis der Untersuchung muss man den Katzen zeitweise lieber ganz aus dem Weg gehen“, erklärt er.

Sein Resümee: Alles in allem geht keine besondere Krankheitsgefahr von Haustieren aus, nicht mehr, als durch Begegnungen mit anderen Menschen. „Natürlich kann es auch Schmierinfektionen geben“, sagt er. „Die gibt es auch, wenn man eine Türklinke angefasst hat und sich danach nicht die Hände wäscht.“ Wenn man einen so leidenschaftlichen Tierfreund wie den Rintelner Inhaber der Tierhandlung ZooZ zum angemessenem Verhältnis von Mensch und Haustier befragt, entsteht daraus schnell ein beinahe philosophisches Gespräch. Es sei ein zutiefst menschliches Bedürfnis, einem Tier Fürsorglichkeit, Nähe und Wärme zu geben, sagt er. „Mensch und Haustierhaltung gehören zusammen“. Es gäbe die Tierhaltung schon fast so lange, wie Menschen in sozialen Gruppen zusammenleben. „Ich glaube ja, dass der nahe Umgang mit Tieren zur eigentlichen Menschwerdung beiträgt“, so Steffen Rothe.

Gerade deshalb lässt er keinen seinen Kunden gehen, ohne das Gefühl zu haben, dass ein Käufer auch wirklich Verantwortung für ein Tier übernehmen will. „Viele Menschen sind inzwischen so getrennt von ihrer natürlichen Umwelt, dass sie oft zu wenig wissen über die Grundbedürfnisse ihrer Haustiere“, sagt er. „Wer ein Tier kauft, muss sich auch auf das Tier einlassen, sich dafür begeistern, ja, ich würde sagen: dafür brennen.“ Deshalb würde er Kindern, die ihre Tiere lieben und sie mit Zärtlichkeiten bedenken, gar nicht groß reinreden, sondern nur darauf achten, dass sie ihrem Haustier den unabdinglichen Grundrespekt erweisen, es also nicht zu Dingen zwingen, die es offensichtlich nicht mag.

Ob er Eltern denn rate, zumindest aus gesundheitlichen und hygienischen Gründen den Kindern lieber ein bisschen körperlichen Abstand zum Haustier vorzuschreiben? „Haben Sie früher als Kind im Dreck gespielt? Oder sich wirklich immer vor dem Essen die Hände gewaschen?“ so seine Gegenfragen. „Der Mensch ist nicht geboren, um steril zu leben, im Gegenteil, in absolut vollkommener Sterilität würde er sterben“.

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